Kultur

Flandern, Kultur, Leuven, Meike Nordmeyer

Wenn Stadtgeschichte lebendig wird – Besuch in der Peterskirche in Leuven

von Meike Nordmeyer

Ruhig thront sie am Groten Markt, die Sankt Peterskirche (Sint Pieterskerk) in Leuven. Dass das Gebäude auf der anderen Seite des Platzes ihr bei den Besuchern der Stadt immer erstmal die Show stiehlt, kann ihr nichts anhaben. Denn sie weiß, auch sie wird noch bemerkt werden und sie kann die Besucher in ihr Inneres locken, denn sie hat dort viel zu bieten. Der Blick der Touristen fällt freilich erstmal auf das Stadthuis, das Gotische Rathaus, dieses Schatzkästchen, dessen Fassade über und über mit gotischem Maßwerk, mit Figuren samt Baldachinen, schlanken Türmchen und Dachgauben verziert ist. Es ist eine Pracht, die jeden staunen lässt. Auch mir ging es natürlich so. Was stand ich fasziniert davor!

Das reich verzierte gotische Stadthuis, das Rathaus von Leuven, zieht am Groten Markt erstmal alle Blicke auf sich. Foto: © Meike Nordmeyer

Der Blick für das Detail

Erst nach einer Weile fiel mein Blick auf die schönen schmalen Giebelhäuser, die sich neben dem Durchgang zur Naamsestraat an dem Platz aufreihen. Dann habe ich mich umgedreht und die Sankt Peterskirche in den Blick genommen. Das im 15. Jahrhundert errichtete Gebäude bildet freilich das größte an dem Platz und zählt zur Brabanter Spätgotik. Ihr Äußeres wirkt schlicht und erhaben durch die maßvollen Proportionen der Architektur. An der Außenseite sorgen die sieben Kranzkapellen des Chors für eine rhythmische Gliederung.

Der schlanke spitze Turm auf dem Dach, die sogenannte Laterne auf der Vierung, fällt sogleich ins Auge. Dieser wurde später ergänzt, er stammt aus dem Jahr 1726. Die ursprünglichen Pläne für die Kirche sahen vor, dass sie einen mächtigen dreiteiligen Turm, also einen mit drei Spitzen erhalten sollte. Für die mittlere Spitze war dabei eine Höhe von 170 Metern gedacht. Doch während der Bauarbeiten stellte sich heraus, dass der Untergrund dafür zu instabil war. Auf einer Höhe von etwa 50 Metern wurde der Bau eingestellt. Nach mehreren Einstürzen des bis dahin gebauten Turms wurde dieser 1613 bis auf die Turmbasis abgerissen. So erinnert die deutlich erkennbar unvollendete Vorderseite der Kirche heute noch an die ehrgeizigen Pläne, mit denen man ganz offenbar zu hoch hinaus wollte.

Der hohe, lichtdurchflutete Innenraum der Sankt Peterskirche in Leuven. Foto: © Meike Nordmeyer

Eintreten und staunen

Im Inneren besticht die Kirche durch einen hellen hohen Raum, der trotz der mächtigen Wände elegante Leichtigkeit ausstrahlt. Dann fällt auch gleich die markante Kanzel in dunklem Holz mit reichen Schnitzereien auf. Viele Schätze birgt die Kirche. Im Chorumgang ist ein Museum untergebracht, in dem sie bislang zu sehen waren, darunter Monstranzen und Kelche aus Edelmetallen und zudem 14 Gemälde flämischer Meister. Das Museum ist jedoch derzeit geschlossen wegen Renovierungsarbeiten. Denn in der Kirche hat man viel vor, um die Schätze bald noch viel besser zu präsentierten.

Das Altarbild „Das letzte Abendmahl“ von Dieric Bouts ist in der Peterskirche in Leuven zu sehen und damit in dem Gebäude, für das es im 15. Jahrhundert geschaffen wurde. Foto: © Rudi Van Beek / M – Museum Leuven PLAATS : Leuven

Altarbild von Dieric Bouts, für die Peterskirche einst geschaffen

Zwei herausragende Gemälde aus dem Bestand der Kirche stammen von dem Maler Dieric Bouts. Neben dem „Martyrium des heiligen Erasmus“ findet vor allem sein großes Altarbild „Das letzte Abendmahl“ besondere Beachtung. Es ist zwar nicht so weltberühmt wie der von Jan Van Eyck geschaffene Genter Altar, wird aber unter Kunstkennern ebenfalls hoch geschätzt. Das Reizvolle daran ist auch: In der Peterskirche lässt sich das Gemälde von Bouts an dem Ort betrachten, für den es im 15. Jahrhundert geschaffen wurde. Es ist derzeit nicht wie eigentlich üblich im Chorumgang platziert, sondern in einer vorderen Seitenkappelle, so dass es auch während der Renovierungsarbeiten der Kirche besichtigt werden kann.

Im Zentrum des Altarbilds von Bouts, also auf der großformatigen Mitteltafel, ist die Darstellung des letzten Abendmahls von Jesus mit seinen Jüngern zu sehen. Diese zeigt der Maler in einem üblichen Wohnraum seiner Zeit. Auch die anderen Szenen spielen in einem solchen Raum oder in ganz natürlicher Umgebung außerhalb, etwa auf einem Weg durch die hügelige Landschaft, und im Hintergrund ist städtische Bebauung zu sehen. Der Künstler bettet damit die Geschichten des Alten und Neuen Testamentes in eine realistische Szenerie ein und lässt sie damit und ebenso mit der plastischen Darstellung der Figuren vor dem Auge des Betrachters lebendig werden. Vor allem damit erweisen sich die Werke als modern und wegweisend für die damalige Zeit.

Eine Kapelle der Bierbrauer

Ich laufe weiter durch die Kirche, um den Raum und viele Details noch genauer zu erkunden, und Moment mal, das ist doch Hopfen, der da in Stein gemeißelt ist. Richtig, in der Stadt geht es eben auch ganz irdisch und süffig zu und deshalb gibt es hier auch eine Kapelle der Bierbrauer. Auch daran wird deutlich, dass die Braukunst in Leuven immer schon eine wichtige Rolle gespielt hat. (Siehe dazu diesen Artikel von mir über Leuven). Den Bierbrauern ging es offensichtlich wirtschaftlich sehr gut, denn die Kapelle ist mit Marmor verziert und nicht mit Holz, wie es sich an der ebenfalls vorhandenen Kapelle der Landwirte zeigt. Darauf macht mich Klara Rowaert vom M – Museum Leuven aufmerksam.

Eine neue Dimension der Ausstellung

Klara Rowaert berichtet mir von dem Vorhaben, das man mit der Renovierung in der Peterskirche umsetzen wird. Bei der Neueröffnung im Frühjahr wird das Museum Leuven, das für die Kunstschätze zuständig ist, eine ganz neue Ausstellungsgestaltung und eine innovative Begleitung mittels Mixed Reality (Virtual und Augmented Reality) präsentieren. Die Besucher können dann VR-Brillen bei ihrem Rundgang durch das Gebäude nutzen. Durch diese betrachten sie die Wirklichkeit mit einer zusätzlich hinzugefügten digitalen Ebene. Gezeigt werden ihnen nicht nur die Kirche, sondern auch andere bedeutende Punkte in der Stadt in alter Zeit. So können die realen in der Kirche ausgestellten Werke in der historischen Zeit, in der sie geschaffen wurden, erlebt werden. Damit wird die Stadtgeschichte vor dem Auge des Betrachters lebendig.

Und der Vorteil der Technologie ist: Sie lässt sich umsetzen, ohne baulich in die Architektur der Kirche eingreifen zu müssen. „An 12 verschiedenen Stationen wird etwas gestaltet“, erklärt Projektkoordinatorin Rowaert und sie verspricht „ein Besuchererlebnis, das alle Sinne anspricht“. Auch das Modell des dreiteiligen Turms wird an einer der Stationen zu sehen sein. Es zeigt, wie gigantisch hoch dieser einst geplant war. Es ist klar, auf die neue Ausstellung darf man gespannt sein! Sie wird noch ein Grund mehr, nach Leuven zu reisen.

Im historischen Gemäuer übernachten: Ein altes Kloster wurde zu Martin’s Kloosterhotel umgestaltet. Foto: © Meike Nordmeyer

Nach meinen ausgedehnten Besichtigungen in Leuven finde ich es nun sehr angenehm, dass ich es nicht weit habe zu meiner Unterkunft und sich diese passenderweise auch in historischem Gemäuer befindet. Ich laufe über den Groten Markt, dann weiter über den Oude Markt und darüber noch ein Stück hinaus und komme schon bald am Martin’s Kloosterhotel an. Der Gebäudekomplex eines einstigen Klosters wurde behutsam zu einem Hotel umgebaut. Viel von der alten Gebäudestruktur ist dort noch erhalten. Von meinem großzügigen Zimmer unterm Dach habe ich einen schönen Blick in eine alte Gasse von Leuven. Und für einen Spaziergang am Abend zum belebten Oude Markt habe ich es auch nicht weit. Das ist gut, denn dort kann ich in einer der zahlreichen Kneipen am Platz noch die Ergebnisse der traditionsreichen Braukunst dieser Stadt erkunden und ein wichtiges Sinneserlebnis ergänzen.

Infos zur Kirche, zu den Gemälden von Dieric Bouts und den Renovierungsarbeiten findet ihr hier.

Mehr über Leuven lesen:
Leuven als Universitätsstadt und Bierstadt

Antwerpen, Flämische Meister, Flandern, Kirsten Lehnert, Kultur

Madonna trifft Tolle Grete – Zu Besuch bei zwei ungewöhnlichen Frauen

Bei meinem letzten Besuch in Antwerpen hatte ich eine besondere Begegnung mit zwei wundervollen Frauen. Die eine war länger weg, hat sich etwas aufhübschen lassen und strahlt jetzt richtig. Die andere war vorher noch nie hier, ist zwar mehr als 500 Jahre alt, aber so was von zeitlos! Die Rede ist von Grete und Madonna. Ich traf sie inmitten von dunkel vertäfelten Räumen mit wunderschönen Ledertapeten.

Eindrucksvoll präsentiert: die Sammlung im Museum Mayer van den Bergh in Antwerpen

Es handelt sich um zwei herausragende Kunstwerke, die gerade in der Ausstellung  „Madonna trifft Tolle Grete“ im Museum Mayer van den Bergh in Antwerpen gezeigt werden: die legendäre „Dulle Griet“ (tolle Grete), eines der berühmtesten Werke von Pieter Bruegel d.Ä. (1525-69), und die geheimnisumwitterte Madonna vom französischen Hofmaler Jean Fouquet (1420–71). Unterschiedlicher können zwei Bilder und Frauen wohl nicht sein.

Die Eine: ländlich, lustig, etwa skurril, in einer Umgebung voller kurioser Gestalten. Das Gemälde – wie so oft bei Bruegel ein wahres Wimmelbild – war früher als eher düstere, groteske Landschaft mit einem dunkelroten Himmel und vielen Brauntönen bekannt. Nach zweijähriger Restaurierung kann man das Meisterwerk seit Anfang des Jahres wieder an seinem angestammten Patz hier im Museum bestaunen. Wer es früher schon mal gesehen hat, wird sich wundern: Es sieht es jetzt viel frischer aus, Firnisschichten und spätere Übermalungen wurden entfernt, und nun strahlt das Bild wieder in seiner ursprünglichen Farbenpracht. Absolut sehenswert!

Eines der Highlights der Sammlung: die „Dulle Griet“ von Pieter Bruegel (c) Museum Mayer van den Bergh Antwerpen

Ihrer Zeit voraus

Die Andere ist hier nur bis zum 31. Dezember 2020 zu Gast: die berühmte „Madonna von Melun“, eine Tafel aus einem Diptychon aus dem 15. Jahrhundert. Der Maler Jean Fouquet gilt als einer der bedeutendsten Künstler an der Schwelle von der Spätgotik zur Frührenaissance und hat ein faszinierendes Bild geschaffen: Mit ihrer elfenbeinfarbenen, fast marmornen Haut wirkt die Madonna wie eine Skulptur. Die gespitzten roten Lippen, die kugelige, entblößte Brust und der Hintergrund aus blauen und roten Engeln erscheinen dabei unglaublich modern. Dass diese Madonna mehr als 500 Jahre alt ist (und damit noch älter als die dolle Grete), sieht man ihr wahrlich nicht an. Zeitlos modern oder einfach seiner Zeit voraus?  Durs Grünbein sprach in der „ZEIT“ in Zusammenhang mit dem Bild einmal von einem „Meisterwerk des gotischen Surrealismus“ – wie passend!

Jean Fouquet, Madonna von Melun (c) KMSKA, Lukas-Art in Flanders vzw, Foto Hugo Maertens

Der Entdecker der Tollen Grete

So unterschiedlich die beiden Damen sind, so verbindet sie doch etwas Besonderes: Beide sind Prachtstücke aus privaten Sammlungen, die in dieser Ausstellung gemeinsam präsentiert werden. Fritz Mayer van den Bergh (1858–1901) war Ende des 19. Jahrhunderts der größte Kunstsammler der Stadt und seiner Zeit weit voraus. Er sammelte bereits mittelalterliche Kunst der Niederlande und die Kunst der Renaissance, als diese noch ein Schattendasein fristeten. Besonderes Interesse hatte er an Pieter Bruegel d. Ä. Er gilt als Entdecker der „Tollen Grete“ und konnte auch das Werk „Zwölf Flämische Sprichwörter“ von Pieter Bruegel erwerben.

Jozef Janssens, Portrait von Fritz Mayer van den Bergh, 1901, Museum Mayer van den Bergh

Drei Jahre nach seinem frühen Tod mit nur 43 Jahren verwirklichte seine Mutter seinen Traum vom eigenen Museum. Heute ist das Museum Mayer van den Bergh eines der ältesten Museen der Welt, die speziell für eine einzige Sammlung errichtet wurden. Von außen ist das würdevolle, neogotische Gebäude eher unscheinbar, so dass es mir bei meinen letzten Besuchen nie aufgefallen ist. Zu Unrecht, denn das Museum entpuppt sich im Inneren als wahre Schatztruhe, ein Kunstwerk an sich mit den prächtigen Holzvertäfelungen und den bunten Bleiglasfenstern. Man braucht schon ein paar Stunden, wenn man sich alle oft so liebevoll ausgestatten Räume in Ruhe anschauen will.

Fritz und Florent

Ein weiterer ebenso leidenschaftlicher Sammler war Florent van Ertborn (1784–1840). Seine Sammlung, zu der auch die Madonna von Fouquet zählt, ist heute im Besitz des Museums der Schönen Künste Antwerpen, das gerade wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist. Umso schöner, dass hier nun erstmals seit Jahren wieder einige Meisterwerke aus seiner Sammlung gezeigt werden. In der Ausstellung begegnet man also auch nicht nur den beiden eindrucksvollen Frauen, sondern auch diversen anderen Sammlerstücken. Und vor allem lernt man die beiden Männer kennen, denen wir es zu verdanken haben, dass wir Grete und Madonna auch heute noch bewundern können.

Brüssel, Flämische Meister, Flandern, Kultur

Zum 450. Todestag von Pieter Bruegel d. Ä.

Wenn Engel fallen und Fische fliegen

von Kirsten Lehnert

Es klingt irgendwie komisch, wenn man sagt, dass man einen Todestag feiert. Sagen wir also lieber: wir begehen ihn. Oder wir würdigen den Mann, der am 9. September 1569 – also vor genau 450 Jahren – in Brüssel gestorben ist: Pieter Bruegel der Ältere, der flämische Meister, der mit seinen Bildern die Kunstwelt nachhaltig geprägt hat. Seit einigen Monaten berichten wir an dieser Stelle schon über die zahlreichen Ausstellungen und Aktionen anlässlich dieses Jubiläums. Aber es gibt immer noch Neues zu erleben und entdecken. Im Frühjahr habe ich Euch schon durch Brüssel geführt, wo der flämische Meister einen Großteil seines Lebens verbracht hat. Nun möchte ich diesen Rundgang fortsetzen und Euch noch ein paar Tipps für den Herbst geben.

Beyond Bruegel
Beyond Breugel, © Plein publiek

Eintauchen in Bruegels Welt

Von seinem großen Vorbild Hieronymus Bosch inspiriert hat Bruegel zeitlebens sehr detailreich gemalt. Um all die kleinen Bilder im Bild zu erkennen, muss man schon ganz genau hinsehen. Die Multimedia-Inszenierung „Beyond Bruegel“ kam mir da sehr entgegen. Hier kann man im wahrsten Sinne des Wortes in Bruegels Welt und seine Wimmelbilder eintauchen. Die Bilder werden in einer 360 Grad-Installation in gigantischer Auflösung großflächig an die Wände projiziert und animiert. So werden auch die kleinsten Details aus Bruegels Werk sichtbar. Da fallen die Engel herab, fliegen Kugelfische durch die Luft und über den Fußboden ergießen sich virtuelle Wellen. Wer immersive art noch nicht erlebt hat, kann sich hier auf ein ganz neues Kunst-Gefühl freuen. „Beyond Bruegel“ ist noch bis Januar 2020 im Dynastiegebäude auf dem Kunstberg zu sehen.

Durch das „Hallepoort“ in ein neues Bruegel Universum

Hallepoort

Ein weiteres virtuelles Tor ins Bruegel Universum öffnet sich am 19. Oktober im „Hallepoort“. Im mythenumwobenen Stadttor, das der berühmte Maler früher sicher häufig durchschritten hat, gibt die Ausstellung „Back to Bruegel“ spannende Einblicke ins 16. Jahrhundert. Dort werden auch Originalschätze aus der Neuen Welt, Musikinstrumente und wissenschaftliche Messgeräte präsentiert, wertvolle Leihgaben aus den Königlichen Museen für Kunst und Geschichte. Von Eurer Zeitreise könnt Ihr Euch in einem der gemütlichen Lokale am Fuße des Stadttores, etwa der Brasserie Bruegel, erholen. Zugegeben, anlässlich des Jubiläumsjahres „bruegelt“ es in Brüssel an fast jeder Ecke – zahlreiche Restaurants bieten „Bruegel-Menüs“ an, das traditionelle Sauerbier Lambic wird nun als „Bruegel-Bier“ angepriesen und in diversen Schaufernstern entdeckt man den großen Meister – aber dieses Lokal hieß  auch vor dem Jubiläumsjahr so.

Brasserie Brueghel

Aber zurück zum Künstler selbst. Dieser war, was Wenige wissen, weit mehr als der „Bauernbruegel“ mit seinen vielfarbigen Gemälden. Im Laufe seines Lebens gestaltete er ungefähr sechzig Drucke (als Grafiker war er also weit produktiver als als Maler): Es waren die Drucke, die seinen Weltruhm begründeten und Bruegel spielte eine Schlüsselrolle in der Entwicklung der  Druckgrafik in Flandern, das sich Mitte des 16. Jahrhunderts zum internationalen Zentrum für die Herstellung von und den Handel mit Drucken entwickelte. Die Königlichen Bibliothek Brüssel ist im Besitz einer einzigartigen Sammlung von Bruegels Arbeiten auf Papier. Die schönsten Stücke werden nun exklusiv für die Sonderausstellung „Bruegels Welt in Schwarz und Weiß“ aus dem Lager geholt. Ihr könnt sie ab dem 15. Oktober in der Königlichen Bibliothek Brüssel sehen.

Die Bruegel Street Art Route

Street Art Bruegel Guitar Rue de la Rasière – Sistervatstraat
© visit.brussels, Jean-Paul Remy, 2019

Zwischen all diesen Museumsbesuchen empfehle ich euch, einfach mal durch die Straßen der Stadt zu schlendern. Wer die Augen offen hält und hochschaut, kann auch entdecken, wie der alte Meister noch heute junge Künstler inspiriert. Mein Tipp: folgt einfach der Bruegel-Street-Art-Route, die 14 ganz unterschiedliche Kunstwerke umfasst.

Ein Abstecher nach Antwerpen

Zum Schluss empfehle ich noch einen kurzen Abstecher nach Antwerpen. Hier lohnt es sich, der Tollen Grete einen Besuch abzustatten. Wer das ist, und was diese einfache Bäuerin mit einer Madonna zu tun hat, das verrate ich demnächst an dieser Stelle.

Flandern, Janett Schindler, Kultur

Tongeren – Auf Zeitreise in der ältesten Stadt Belgiens

von Janett Schindler

Als ich an einem Freitagabend auf einer breiten Landstraße nach Tongeren fahre, bin ich ein klein wenig überrascht. Das soll die älteste Stadt Belgiens sein? Auf den ersten Blick wirkt alles hier wie in jeder beliebigen belgischen Kleinstadt. Ein paar Baustellen, ein kleiner Bahnhof, ein paar nette Einfamilienhäuser mit Vorgärten und recht breite Straßen heißen mich für ein Wochenende willkommen. Doch wo versteckt sich Tongerens Geschichte?

Blick auf die Altstadt vom Moerenpoort, © Janett Schindler

Die Steine verraten die Geschichte.

Auf “Zeitreise” gehen wir im Stadtzentrum. Auf den ersten Blick ist Tongeren sein Alter jedoch nicht anzusehen. Dafür ist der Weg in die „Unterwelt“ unabdingbar. Mein erster Weg führt mich deshalb ins Teseum.

Das Teseum befindet sich etwas versteckt hinter der Liebfrauenbasilika. Eine Archäologische Fundstätte bildet gemeinsam mit der Schatzkammer sowie dem Kreuzgang und dem Klostergarten das Museumsprojekt Teseum.

© Janett Schindler

Wir starten mit unserem Rundgang im Keller. Über eine schmale Treppe gelange ich in die drei Meter tiefer liegenden Fundstätte. Kirchen und Stadtmauern – Kulturgeschichte und Leben aus Verschiedene Epochen finde ich hier. Nun ja – nicht wirklich – denn eigentlich sehe ich nur eine Ansammlung von 1000 Steinen. Schnell wird mir die Bedeutung der zahlreichen Steine klar. Spannend ist vor allem die Entwicklung der darüber liegenden Basilika und des Marktplatzes. Die verschiedenen Zeitepochen werden im Teseum auch sehr anschaulich virtuell dargestellt. So wird auch mir schnell bewusst was sich wo befindet und in welcher Epoche sich was wie verändert hat.

© Janett Schindler

Wir erleben die Veränderung der Stadt aus der römischen Zeit, bekommen veranschaulicht, wie die Kirche und das Kloster in der Zeit der Gotik das Stadtbild prägte und die Renaissance die Kirchenform verändert hat. Ich empfehle dieses Museum unbedingt mit einem Guide zu besuchen – denn hier gibt es vieles, was ihr nur zwischen den Steinen “entdecken” könnt.

Der Schatz von Tongeren

Die Kirche spielte in der ältesten Stadt Belgiens schon immer eine große Rolle. Schon als das Christentums in Mitteleuropa Einzug hielt, war Tongeren eine recht große Stadt. Welche Rolle die Kirche in Tongeren spielt und wie reich der Ort eigentlich war, wird mir klar, als ich in die Schatzkammer komme.

Eingang zur Schatzkammer im Teseum, © Janett Schindler

Zahlreiche Reliquien und Priestergewänder – eines prunkvoller als der andere – sind hier zu finden.

© Janett Schindler

Tongeren und die Römer

Die archäologische Ausgrabungsstätte hat mir jedoch viel mehr offenbart. Tongerens Stadtgrenzen führten schon 14 vor Christus um den Marktplatz herum. Hier hat alles mit den Römern angefangen. Hier wurde Aduatuca Tungrorum gegründet. Das will ich genauer wissen und begebe mich ins Gallo-Römisches Museum.

© Janett Schindler

Dafür muss ich nicht allzu weit laufen – es befindet sich gleich neben dem Teseum. Das Museum ist riesig – gut und gerne 3 Stunden habe ich hier verbracht. Wir starten nicht erst mit der Entstehung von Tongeren sondern viel viel früher. Eiszeit, Steinzeit, Neandertaler – es geht weit zurück in der Geschichte. Spannend die anschaulichen Filme zur Völkerwanderung von Afrika nach Europa.

© Janett Schindler

Und ebenso spannend etwas über Flora und Fauna und die starke Bewaldung Europas aus dieser Zeit zu erfahren. Erst in der zweiten und dritten Etage geht das Museum dann auch auf die Römer ein. Ein wenig schmunzeln muss ich bei einem Film – in dem niederländisch gesprochen wurde. Ich glaube – dass dies um 15 vor Christus noch keine gängige Weltsprache war. Es wird Zeit für einen kleinen Snack. Auf dem Marktplatz befinden sich zahlreiche Restaurants – perfekt für eine kleine Stärkung.

Die Liebfrauenbasilika

Nun bin ich natürlich neugierig und will auch die Basilika von Innen sehen. Wie in zahlreichen belgischen Kirchen gibt es auch hier eine Vielzahl von Kunstwerken zu bestaunen.

© Janett Schindler

In den nächsten Jahren ist sogar angedacht den Turm für die Öffentlichkeit begehbar zu machen – aber auch der erste Eindruck der Basilika zeigt die Macht und die Wandelbarkeit der Stadt

© Janett Schindler

Ein kleiner Tipp noch für alle “Nachtwandler” – die Fensterbilder der Basilika sind im Dunkeln beleuchtet und wirklich sehenswert!

© Janett Schindler

Aufs ins Mittelalter

Spuren aus dem Mittelalter lassen sich in Tongeren leider nur recht wenige finden. Schuld daran ist ein schweres Feuer, welches 1677 von französischen Gruppen gelegt wurde und bis auf den Beginenhof die ganze Stadt niederbrannte.

© Janett Schindler

Der Begijnhof kaufte sich damals für viel Geld “frei” – und rettete damit ein Stück Geschichte. In den Abendstunden ist ein Spaziergang vorbei an den alten Häusern mit den zahlreichen Rosenstöcken und Katzen nicht nur ein Blick in die Vergangenheit, sondern auch ein entspannter Ausklang des Tages.

© Janett Schindler

Einziger Nachteil? Das Begijnhof-Museum hat dann leider schon zu. Ich beschließe den Tag mit einem leckeren belgischen Bier – und freue mich auf die wohl bekannteste Attraktion, welche mich am Sonntagmorgen erwartet.

Tongeren ist bekannt für seinen Antikmarkt.

Seit Mitte der siebziger Jahre findet der Trödelmarkt jeden Sonntag bei Wind und Wetter statt. Alles „alte“ darf verkauft werden – und so finden sich hier Figuren aus dem 17ten Jahrhundert genauso wie Stühle aus den 90ern.

Antiktrödel Tongeren, © Janett Schindler

Bei knapp 140 Händlern hat man die Qual der Wahl und kann gut und gerne Stunden hier verbringen. Auch wenn ich diesmal nicht fündig wurde, die Auswahl beeindruckt mich.

1677 – Das Jahr des großen Stadtbrands

Das große Feuer von 1677 ist natürlich auch Thema einer spannenden Dauerausstellung. Die befindet sich im Moerenpoort – dem einzigen Stadttor, welches von der Stadtmauer des 13ten Jahrhunderts noch übrig ist.

© Janett Schindler

Die Ausstellung kann kostenlos täglich von 10 – 14 Uhr besucht werden. Im Anschluss lohnt sich übrigens ein Besuch auf dem Dach des Gebäudes. Von hier aus habt ihr einen tollen Blick auf die Altstadt von Tongeren und auf den Trödelmarkt!

© Janett Schindler

Mehr Informationen zu Tongeren: https://www.toerismetongeren.be/

Flandern, Kultur, Küste

Die Belle Epoque an der flämischen Küste entdecken

von Meike Nordmeyer

Wer in De Haan mit der Straßenbahn ankommt, der wird gleich vom Flair der Belle Epoque begrüßt. Der flämische Küstenort ist von der Architektur dieses Zeitalters geprägt und verströmt damit einen ganz besonderen Charme. Der Bahnhof der Küstenstraßenbahn in De Haan stammt aus dem Jahr 1902. Gut erhalten und schön restauriert empfängt das Gebäude die Reisenden, die mit der Straßenbahn ankommen, auf die sie umgestiegen sind, nachdem sie entweder mit dem Zug in Blankenberge oder in Ostende angekommen sind.

Mit der Küstenstraßenbahn lässt es sich heute schnell und unkompliziert von einem Ort zum anderen an der 68 Kilometer langen flämischen Nordseeküste fahren. Schon 1885 wurde eine Dampfstraßenbahn an der Küste angelegt, zunächst von Middelkerke nach Ostende. 1886 folgte ergänzend die Linie von Ostende über De Haan nach Blankenberge. So wie einige Jahrzehnte zuvor die Anbindung durch eine Eisenbahnstrecke brachte auch der Bau der Straßenbahnlinie zu dieser Zeit einen enormen Entwicklungsschub für den aufkommenden Tourismus an der flämischen Küste.

Ein prächtiges Gebäude der Belle Epoque: Das Grand Hotel Belle Vue. Hier wohnte einst auch der Schriftsteller Stefan Zweig. Foto: Meike Nordmeyer

Stefan Zweig und Albert Einstein weilten in De Haan

Ich bin am Nachmittag mit der Straßenbahn in De Haan angekommen und laufe von dort aus zu meinem Hotel. Das Grand Hotel Belle Vue ist nur wenige Meter vom Bahnhof entfernt und ebenfalls ein prächtiges Bauwerk aus der Belle Epoque. Der Schriftsteller Stefan Zweig hat schon in diesem Hotel gewohnt und der Physiker Albert Einstein kam öfters dorthin und trank auf der Terrasse eine Tasse Tee. Das erzählt mir Guide Brigitte Hochs am nächsten Tag während einer Führung durch den Ort. Wir laufen gemeinsam zum Haus „Savoyarde“ an der Shakespearelaan, in dem Einstein im Jahr 1933 für sechs Monate als Gast wohnte. Die Erinnerung an diese Zeit ist sehr präsent geblieben in De Haan. Brigitte, die dort aufgewachsen ist, hat vor einiger Zeit noch ältere Bekannte von Begegnungen mit dem berühmten Physiker erzählen hören – wie man beispielsweise Musikabende besuchte, auf denen Einstein auf seiner Geige spielte. Außerdem kehrte der Physiker damals auch in das gehobene Restaurant „Coeur Volant“ ein, wo er den Maler James Ensor traf, der in Ostende lebte. Das Gebäude dieses Restaurants ist noch erhalten, wenn auch durch Umbau stark verändert. Eine Infotafel steht davor und zeigt ein Foto, auf dem das Treffen von Einstein, Ensor und anderen Herren zu sehen ist.

Im Haus „Savoyarde“ an der Shakespearelaan in De Haan lebte Albert Einstein im Sommer 1933 für sechs Monate. Foto: Meike Nordmeyer

Ich laufe gemeinsam mit Brigitte Hochs durch das historische Villenviertel „Concession“ und sie erzählt mir viel über die schönen, in der Dünenlandschaft gelegenen Gebäude. Sie macht mich auf die typischen Elemente der Villen aufmerksam: Erker, Türmchen, Balkone, Terrassen, häufig rot gedeckte Dächer, die sich stellenweise weit nach unten ziehen. Das Bauen in diesem Stil war seinerzeit vorgeschrieben für dieses Viertel und dabei waren nur wenige Etagen erlaubt. Die Grundstücke, auf denen die Villen stehen, weisen oftmals recht wellige Böden auf. Die Landschaft der Dünen wurde in den Gärten weitgehend so belassen. Eine akkurate Einebnung wäre bei dem sandigen Boden ohnehin nicht von Dauer gewesen. Und so wirkt das Viertel um so idyllischer und naturverbundener.

Die strenge Begrenzung auf nur wenige Stockwerke galt in De Haan auch noch in den 1970er Jahren und darüber hinaus. Das machte den Ort uninteressant für die Investoren und Baufirmen, die in dieser Zeit viele Neubauprojekte umsetzen wollten. So ist es in einer Broschüre über das architektonische Erbe von De Haan zu lesen, die von der Gemeindeverwaltung herausgegeben wurde. Auf diese Weise blieb De Haan von der unsanften Modernisierungswelle jener Zeit weitgehend verschont. Die Hochhaus-Manie, die in anderen Küstenorten in Flandern einsetzte, hatte dort keine Chance. Was für ein Glück für De Haan, denn so blieb ein großer Teil der historisch wertvollen und malerischen Architektur der Belle Epoque erhalten. Kaum zu glauben ist heute, dass dem Bahnhof der Straßenbahn noch 1977 der Abriss drohte. Doch die Gemeinde De Haan kaufte das Gebäude für einen symbolischen Franc und rettete ihn damit. Heute steht der Bahnhof unter Denkmalschutz und gilt gemeinsam mit den vielen historischen Villen als ein besonderes Schmuckstück der flämischen Küste.

Auch Blankenberge hat Belle Epoque zu bieten

Weniger bekannt ist, dass auch das nahe gelegene Blankenberge einige historische Schätze zu bieten hat. Das würde man zunächst nicht vermuten. Denn an der Promenade und auch in den dahinterliegenden Straßen reihen sich zahlreiche hochgeschossene Apartmenthäuser aus jüngeren Zeiten aneinander. Doch es gibt auch ein kleines Gebiet im Zentrum zu entdecken, – in der Nähe vom Casino, rund um die Sint-Rochuskerk – in dem einige Häuser aus der Zeit der Belle Epoque erhalten sind.

Schöne historische Fassaden zeigen sich an der Elisabethstraat in Blankenberge. Dort befindet sich das Belle Epoque Centrum, ein Museum das über diese Zeit an der flämischen Küste informiert. Foto: Meike Nordmeyer

Ich treffe mich mit Guide Margot Muir im Belle Epoque Centrum, einem kleinen, interessanten Museum, das zu diesem Thema in Blankenberge entstanden ist. Es ist in einem Häuserblock aus dieser Zeit untergebracht, und schon auf dem Weg dorthin kann ich einige schöne Fassaden bewundern. Das Museum vermittelt ein Bild dieser Epoche in Blankenberge und insgesamt an der flämischen Küste. Es zeigt, wie der Badetourismus dort im 19. Jahrhundert aufkam, als dort noch viele Fischer in armen Verhältnissen lebten und nun die reichen Leute an die Küste kamen, um die gesunde Meerluft zu genießen und zu baden, was damals eher bedeutete, ein wenig im seichten Meerwasser zu waten. Auch Schriftsteller und Wissenschaftler fanden sich ein, wie zum Beispiel Charles Darwin, Fjodor Dostojewski, Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud, auch darüber informiert das Museum. Historische Fotos und Werbeplakate, typische Kleider der Zeit, Möbel, Vasen, Geschirr und vieles mehr ist zu sehen. Ein Raum im Erdgeschoss konnte komplett originalgetreu eingerichtet werden. Darin lässt sich die Atmosphäre von einst nachspüren.

Im Belle Epoque Centrum in Blankenberge ist ein großer Raum originalgetreu wie einst eingerichtet worden. Foto: Meike Nordmeyer

Im Anschluss an den Museumsbesuch zeigt mir Margot noch einige historische Häuser in den Nachbarstraßen. Die Villa Olga an der Descampsstraat ist besonders beeindruckend. Die Fassade ist komplett mit Kacheln bedeckt, auf denen stellenweise geometrische Muster und zum überwiegenden Teil kunstvoll verschlungene Blumenranken dargestellt sind. An der Rogierlaan ist außerdem auf einer Seite noch ein ganzer Straßenzug von einst zu sehen. Die Häuser der gegenüberliegenden Seite hingegen sind verschwunden, sie mussten seinerzeit Neubauten weichen. Margot erinnert sich noch gut, wie schön und stimmig die Straße einst aussah und was mit dem Abriss alles verloren ging. Sie schüttelt immer wieder den Kopf, während sie davon spricht.

Ein anderes Bauwerk aus der Zeit ist aber erhalten geblieben in Blankenberge und darüber ist Margot besonders froh. Das ist der sogenannte Paravang (nach französisch Paravent) am Jachthafen. Es handelt sich um einen schmucken, langgestreckten Windschutz mit durchgehender Sitzbank, 1908 errichtet im neogotischen Stil. Der Paravang zog sich am damaligen Fischerhafen entlang. Dort konnten die vornehmen Urlauber sitzen und den einfachen Fischern bei ihrer Arbeit an den Booten und den Netzen zuschauen. Noch heute dient der Paravang vielen Passanten als Sitzgelegenheit für die spontane Rast oder als beliebter Treffpunkt. „Viele Mädchen aus Blankenberge haben dort ihren ersten Kuss bekommen“, verrät mir Margot. „Und ich auch! Das ist ein guter Ort dafür, denn ich bin jetzt schon 50 Jahre verheiratet“, erzählt sie fröhlich. Eins ist klar nach meinem Abstecher nach Blankenberge: Der Besuch dort ist eine lohnende Ergänzung, um die Belle Epoque an der flämischen Küste kennenzulernen. Mit der Küstenstraßenbahn lässt sich diese Tour von De Haan ganz einfach und bequem unternehmen – wie schon in alten Zeiten.  

In Blankenberge ist der Paravang erhalten geblieben, ein langgestreckter Windschutz mit Sitzbank aus dem Jahr 1908. Er dient auch heute noch als Ort zum Rasten und als beliebter Treffpunkt. Foto: Meike Nordmeyer
Flämische Meister, Flandern, Janett Schindler, Kultur

Mit Bruegel nach Bokrijk

von Janett Schindler

Ich liege auf dem Boden einer riesigen Scheune und schaue in einen Spiegel über mir. Als Teil eines sehr alten Gemäldes. Ich bin Teil von Pieter Bruegels „Der Kampf zwischen Karneval und Fasten“. Ein Bild aus dem Jahr 1559. Wie genau ich Teil dieses Bildes wurde und warum nicht nur Bruegel-Fans unbedingt nach Bokrijk reisen sollten – das erfahrt ihr hier!

Bokrijk – ein Freilichtmuseum

Die Domein Bokrijk ist ein ehemaliges Landgut mit einer bewegten Geschichte, die 1252 begann. Das Wort Bokrijk stammt vom Buscurake (Reich an Buchen). Ein Wald umgibt auch heute zu einem großen Teil das Gelände des Museums. Abtei, Bauernhof, Landgut – bis das Museum 1958 eröffnet wurde verging einige Zeit.

© Janett Schindler

Die Idee des Museums? Historische Gebäude aus Flandern langfristig zu erhalten. Insgesamt 140 historische Gebäude sind hier zu finden. Das älteste Haus stammt aus dem Jahre 1507.  Just aus jener Zeit also in der Pieter Bruegel als Künstler vor allem in und um Brüssel tätig war. Anlässlich des Bruegel-Jahres 2019 widmet sich das Freiluftmuseum dem Künstler auf 11 Stationen.

Die 11 Stationen der “World of Bruegel”

Am Eingang werden wir von Jaak Meyssen erwartet.  Mit “Willkommen in Bokrijk!” begrüßt er uns in einem recht guten Deutsch. Schon im Eingangsbereich fallen mir die die roten Markierungen im Park auf. “Dies ist der Bruegelparcour!” berichtet Jaak. Insgesamt 11 Häuser und/oder Orte beziehen sich auf die Kunst und das Leben von Bruegel.

© Janett Schindler

Im Infocenter erhalte ich ein “Narrenarmband”. Mit einem virtuellen “Hut”, der sich auf meinem Band befindet, kann ich auf Schatzsuche gehen und unterwegs Objekte digital sammeln – die zum “Der Kampf zwischen Karneval und Fasten” – Kunstwerk passen. Auf dem Armband können zudem Bilder gespeichert und die Tour später noch einmal erlebt werden.

Auch wenn “The World of Bruegel” in Bokrijk nur bis zum 20.10.2019 läuft – Bruegel findet hier immer statt. Ein großer Teil des Freiluftmuseums ist stark vom Renaissance-Künstler beeinflusst. Josef Weyns, der erste Kurator von Bokrijk hat sich bei der Konzeption des Parks stark von den Bildern von Bruegel dem Älteren inspirieren lassen.

© Janett Schindler

Vor allem in den Museumsteilen Haspengau und auch in Ost- und Westflandern erkennen Kunstbegeisterte sehr häufig Ähnlichkeiten.

Wir gehen auf Entdeckungsreise – und ich verweile etwas länger in der Scheune Lommel-Kattenbos. Hier zeigt sich wie talentiert Pieter Bruegel der Ältere in Landschaftsmalerei war. In der Gemäldeserie von 1565 zeichnet Bruegel die Monate auf. Ein Gemälde fehlt und wurde bisher nie gefunden – dies wurde vom belgischen Künstler Frits Jeuris gemalt und passt perfekt in die Bruegel-Serie. Oder erkennt ihr den Unterschied?

Die Jäger im Schnee, Die Heimkehr der Herde, Die Kornernte, die Heuernte und der Düstere Tag sind als Kopie in Bokrijk zu finden. Das Frühlingsbild wurde von Frits Jeuris gemalt.
© Janett Schindler

An der Spielscheune laufen wir vorbei und begeben uns zum Bruegel-Hof Vorselaar. Dieser entspricht übrigens dem “Bruegel-Hof” aus Pieter Bruegels Werken recht gut. In der Küche des Hofes, die dem Leben im 16ten Jahrhundert nachempfunden ist, entdecke ich die beiden Bruegel Kunstwerke “Die Magere Küche und die Fette Küche”. Wie passend! An einem Tisch möchte ich gerne basteln. Jaak schaut auf die Uhr. Wir haben noch einiges mehr zu entdecken!

Vorbei an der Windmühle entdecke ich auch die Landwirtschaft. Kühe und Schafe weiden, es wird Gemüse und Hanf angebaut und mich würde es gerade nicht wundern wenn plötzlich auch noch ein paar Enten den Weg kreuzen würden.

Die Windmühle ist besonders – sie lässt sich mit dem Wind drehen. Apropos Mühle – aufgrund seines Namens wird bis heute vermutet dass Bruegel aus Brogel stammt und dort vielleicht in einer Mühle aufgewachsen ist. Die Ölmühle Ellikom ist dieser Zeit nachempfunden.

© Janett Schindler

Wir gehen an einer Kreuzung vorbei durch einen Wald und hören von Jaak Meysen die Geschichte von Bruegels Wildem Mann. Die Hütte des wilden Mannes könnt ihr übrigens auch in Bokrijk besuchen. Ich hab mich nicht getraut!

© Janett Schindler

Am Platz der Sinne befindet sich eine Tribüne. Ab Mitte Juli bis Anfang September könnt ihr euch hier täglich zwischen 11 und 14 Uhr von Künstlern in eine Brugel-Welt entführen lassen. Was die Sinne angeht – dort gibt es auch eine leckere Paradieswaffel zu probieren. Die hat jedoch mit der heute bekannten belgischen Waffel so gar nichts gemeinsam. Unbedingt probieren!

Paradieswaffel (von Zutaten aus dem 16ten Jahrhundert inspiriert), © Janett Schindler

Inzwischen sind wir am Ende unserer Tour angekommen – der Scheune von Zuienkerke.  Die Scheune aus dem 16ten Jahrhundert ist riesig. Ich bin an diesem Tag fast allein in der Scheune und komme aus dem Staunen nicht heraus.

© Janett Schindler

Das Gemälde “Der Kampf zwischen Karneval und Fasten” wird im inneren der Scheune gespiegelt – was jedoch noch viel cooler ist – es gibt die Möglichkeit sich durch diese Spiegelung selbst in das Bild hinein zu beamen. In dieser Größe werden mir so einige Details des Kunstwerkes erst bewusst – Gestiken, Mimiken und besondere Figuren. Die Details, die rund um das Gemälde zu finden sind, sehe ich erst auf den zweiten Blick und auch die virtuellen Spiegel sind für alle “Hut-Sammler” recht spannend. Ein tolles Finale einer spannenden Tour!

Habt ihr Hunger? Essen wie im 16ten Jahrhundert

Jaak bringt uns wieder zurück ins Zentrum von Bokrijk. “Habt ihr Hunger?” fragt er uns. Und ja. So viel Kultur und Kunst macht hungrig. Im “In St. Gummarus” werden wir schon erwartet. Auf Empfehlung probiere ich einen “Wilden Mann” – ein Dunkelbier.

© Janett Schindler

Ziemlich stark! Unser Tisch (romantisch am Kamin) füllt sich kurze Zeit später mit dem “Bruegel-Menü”. Pommes, Gulasch, Apfelmus, Hackbällchen, Krautsalat – wir sind froh nur eine Portion geordert zu haben. Zum Nachtisch gibts eine Paradieswaffel – jetzt fehlt eigentlich nur noch ein Platz für das Mittagsnickerchen!

Ein Kreativprogramm zum Abschluss.

Mit dem Schlaf nach dem Essen wird es nichts – denn wir haben an diesem frühen Nachmittag noch zwei Termine. Brot backen und Töpfern. Das sind übrigens nicht die einzigen Kreativkurse die in Bokrijk angeboten werden.

Im Bruegel-Jahr gibt es einen Workshop zum Thema “Hüte” – wir jedoch probieren uns am Brot und am Ton. Zuerst gestalten wir ein Brot – der Teig wurde schon vorbereitet.

© Janett Schindler

Nach gut 10 Minuten waren meine Figuren fertig – und landeten im Ofen und ich machte mich auf zum Töpfern. Spannend – dies auch mal auszuprobieren!

© Janett Schindler
  • Mehr über die Ausstellung: https://www.dewereldvanbruegel.be/de/
  • Der Eintritt in das Freiluftmuseum kostet 12,50 Euro für Erwachsene, Kinder bis 12 Jahre zahlen 2 Euro. Der Parkplatz schlägt mit 5 Euro zu Buche.
  • Das Museum ist geöffnet von April bis Ende Oktober – Dienstag bis Sonntag von 10 – 18 Uhr.
  • Kreativkurse und auch das Essen sollten vorbestellt werden
  • Führungen sind möglich ab 5,50 Euro pro Person.
Flämische Meister, Flandern, Jan-Kai Vermeulen, Kultur, Neu auf dem Flandern-Blog

In Situ: Kleine Städte, große Meister

Eine Rundreise zu Leonardo da Vinci, Rubens, van Eyck und zu Gretel ohne Hänsel

von Jan-Kai Vermeulen

Ivo Cleiren wartet vor einem mächtigen Holztor in der riesigen Abtei von Tongerlo auf mich. Nein, er sei kein Mönch, sein langes weißes Gewand sei die Kleidung der Norbertiner, eine Priestergemeinschaft des Augustiner-Ordens. Der überaus freundliche 70-Jährige, der hier seit 50 Jahren lebt, ist der Kurator des Abdij-Museums und will mir das Geheimnis von Leonardo da Vinci in seiner Abtei erklären. „Kommen Sie mit.“ Ich folge in ein Labyrinth von Gängen.

Das Projekt „In Situ“

Fünf von 45 Orten werde ich besuchen, die zum Projekt In Situ gehören. In Situ heißt Vor Ort; die Bilder von großen flämischen Meistern finden sich meist in abgelegenen Städtchen und Dörfern – immer an ihrem angestammten Ort in Kapellen, Klöstern, Beginenhöfen oder Schlössern, von Maaseik im Osten bis Veurne nahe der Küste.

Van loon Visitation, Flemish Masters in Situ

In der Basilika von Scherpenheuvel dreht sich alles um die Gottesmutter. „Welkom bij Maria“ steht groß in Weiß auf leuchtendem Lichtblau über dem Eingang der achteckigen Pilgerkirche. Sieben Werke von Theodoor van Loon sind zu sehen, das wichtigste, „Mariä Himmelfahrt“, hängt hinter dem Altar. Gerade läuft eine Messe, es ist brechend voll. Kaum ist die Messe beendet, wird in situ die nächste gestartet. Weltliches Kunstinteresse muss warten.

Gut, dass die sechs anderen Bilder ringsherum in Chorecken platziert sind. Da kann ich zum kräftigen Gesang der Priester reichlich schriftliche Erklärungen aufsaugen. Zum Beispiel: „Sehen Sie, was für ein schönes Baby Maria ist! Die Engel tollen freudig herum.“ Und dann Marias Lebensweg verfolgen: immer im lichtblauen Gewand.

Spannende Einblicke in neue „Ausstellungsräume“

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Brügge, Flandern, Janett Schindler, Kultur

Das Gruuthusemuseum – in drei Jahrhunderten durch Brügge

Blick auf das Gruuthusemuseum und die Kathedrale

von Janett Schindler

Brügge bietet viele spannende Orte, die es zu entdecken gilt. Mehr als 30 Kirchen (rund die Hälfte davon in der Altstadt), zahlreiche Museen, Kunstausstellungen und beeindruckende Plätze verführen so manchen Touristen zum Verweilen. Nicht erst „Brügge sehen und sterben“ hat zahlreiche Gäste in die Stadt in Flandern gelockt. Die Kombination zwischen schmucken alten Häusern und ansehnlichen Grachten ist einfach sehenswert.

Seit Mai 2019 hat Brügge ein weiteres Highlight.

Zentral gelegen könnt ihr eine Zeitreise in das Mittelalter von Brügge erleben. Das Gruuthusemuseum – das kann ich vorab schon verraten – lässt nicht nur Kunstfans und Zeitreisende wie mich begeistert zurück.

Blick aus dem Gruuthuse Museum, © Janett Schindler

Rund 5 Jahre war das Gruuthusemuseum geschlossen, rund 9 Millionen wurden für die Neugestaltung investiert und eine ganze Woche wurde im Mai die Wiedereröffnung des Stadtpalais der Familie Gruuthuse gefeiert.

Reisen wir zurück in die Zeit.

1425 war es, als Johann IV von Gruuthuse mit dem Bau eines Herrenhauses am Dijverkanal begann. Die Familie Gruuthuse verdiente ihr Geld mit Grut (Eine Art Kräutermischung). Das Grut war im Mittelalter Bestandteil des Bieres. Selbiges wurde von jedermann getrunken – demzufolge hatte die Familie viel Geld und somit auch viel Einfluss im Burgundischen Brügge.

Map of Bruges, 1546 – 1600, Anonymous master, Bild © Janett Schindler

Selbst nachdem Grut nicht mehr genutzt wurde durfte die Familie Steuern auf Bier erheben. So kommt es auch, dass über mehrere Jahrhunderte wertvolle Kunstwerke, Wandteppiche und Zeitdokumente durch die Familie gesammelt wurden. Als Museum fungiert das Stadtpalais seit 1888. Die letzte umfangreiche Restauration fand in den letzten Jahren statt – ich finde – es hat sich gelohnt!

Besucht mit mir das Gruuthusemuseum!

Auf dem Hof des Gruuthusemuseum stoßen Gegenwart und Vergangenheit aufeinander. Der modern wirkende Ticketshop ist für alle Besucher der erste Anlaufpunkt.

Gruuthusemuseum, © Janett Schindler

Erst von dort geht es mit einem Audioguide durch eine liebevoll verzierte Eingangstür. Der “Lockerroom” war früher einmal der Raum für die Guillotine – heute jedoch passiert hier keinem Gast etwas.

Lockerroom im Gruthuusemuseum, © Janett Schindler

Von dort aus werden wir in drei Zeitepochen in das Leben der Familie Gruuthuse hineingezogen. Gut besucht ist das Museum – Mehrsprachig in Wort und Schrift ist es jedoch nicht nur für Einheimische spannend. Ich bin sehr begeistert von den prunkvoll verzierten offenen Kaminen und den wunderschön bemalten Decken.

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Flandern, Gent, Kultur, Meike Nordmeyer

Wenn der Kaffee unter den Füßen knirscht

Jubiläumsausstellung im S.M.A.K in Gent

von Meike Nordmeyer

Kaffee trinken kann man in fast jedem Museum in der zugehörigen Cafeteria. In der aktuellen Jubiläumsausstellung im S.M.A.K., dem Städtischen Museum für Aktuelle Kunst in Gent, geht mehr. Da lässt es sich auch auf Kaffee laufen und das ist eine besondere Erfahrung. Es ist ein bisschen wie am Strand, nur dass es dazu betörend duftet. Der brasilianische Künstler Artur Barrio hat seine Rauminstallation mit dem Titel „Interminável“ von 2005 für diese Sonderausstellung erneut realisiert. Der Boden in dem Raum ist komplett mit grob gemahlenen Kaffeepulver bedeckt. An einer Stelle ist sogar ein kleiner Hügel des körnigen Materials angelegt, und es gibt auch einen Berg aus Brot. In der Mitte ist ein Sofa aufgestellt, einzelne Leuchten sind im Raum verteilt.

Kaffeepulver bedeckt den Boden – der brasilianische Künstler Artur Barrio hat seine Rauminstallation mit dem Titel „Interminável“ von 2005 für die Sonderausstellung erneut realisiert. Foto: Meike Nordmeyer

Die Wände sind stellenweise mit Kaffeeflecken übersät und auch vollgekritzelt. All das macht den insgesamt spärlich beleuchteten Raum zu einem besonderen Ort von dichter Atmosphäre. Das dunkelbraune Kaffeepulver zeigt auch eine Anmutung von Erde und das sorgt für einen gewissen archaischen Charakter. „Es ist ein bisschen crunchy“, so bemerkt zudem eine Besucherin, als sie mit dem Fuß über den Boden schabt und damit ein knirschendes Geräusch erzeugt und verschiedene Striche in das Pulver am Boden zeichnet. „Jeder hinterlässt hier seine Spuren“, sagt Kunstdozent Antoon Lamon, der mich als Guide durch die Ausstellung führt.

Ich steh voll auf Kaffee im S.M.A.K. – das habe ich so noch nie gemacht. Foto: Meike Nordmeyer

20 Jahre S.M.A.K. – anlässlich dieses Jubiläums lädt das Museum derzeit zu einer großen Ausstellung unter dem Titel „Highlights for a Future – The Collection (1)“ ein, die eine Auswahl von 200 Arbeiten aus dem umfangreichen Sammlungsbestand von insgesamt 3000 Werken zeigt. Seit 1999 ist das Museum im ehemaligen Casino der Stadt untergebracht und hat damit seinen Standort direkt neben dem Museum für schöne Künste im Citadelpark. Das S.M.A.K. gilt als wichtigste öffentliche Sammlung belgischer und internationaler zeitgenössischer Kunst in Belgien. Strömungen wie Pop-Art, Konzeptkunst und Arte Povera sind beispielsweise vertreten. Es beherbergt Werke namhafter Künstler wie unter anderem Joseph Beuys, Marcel Broodthaers, Panamarenko, Jim Dine und David Hockney.

Der von Artur Barrio geschaffene Kaffeeraum hat mich gleich zu Beginn der Jubiläumsausstellung sehr beeindruckt. Der herbe Duft des Kaffees weht mir noch in der Nase und meine weißen Turnschuhe sind vom braunen Pulver bleibend berieselt – da bekommt die Bezeichnung „Coffee to go“ eine ganz neue Bedeutung. So ziehe ich nun weiter durch die Ausstellung und lausche den spannenden Ausführungen von Antoon.

Das Werk an der hinteren Wand stammt von der Künstlergruppe „Art & Language“. Es bezieht sich auf den Stil von Jackson Pollock und insbesondere auf das Gemälde „Guernica“ von Picasso. Auf dem Boden ist die Arbeit „Untitled (blue glitter) von Ann Veronica Janssens zu sehen. Foto: Meike Nordmeyer

In einem weiten, von einem Oberlicht erhellten Raum hängt ein großformatiges Bild, das nach Action-Painting aussieht und unmittelbar an die schwarz-weißen Bilder von Jackson Pollock erinnert. Das Werk der Künstlergruppe „Art & Language“ bezieht sich aber nicht nur darauf, sondern auch auf das Gemälde „Guernica“ von Picasso. Antoon weist mich darauf hin und zieht eine Abbildung dieses Gemäldes aus seiner Mappe hervor. Obwohl ich das berühmte Bild von Picasso gut kenne, hatte ich den Bezug in dem Gewusel der Striche nicht bemerkt. Doch jetzt tut sich was, die eingearbeitete Struktur gibt sich zu erkennen und entfaltet sich quasi vor meinem nun wissenden Auge.

Ich entdecke immer mehr Motive von Picassos Gemälde und kann nun gar nicht mehr verstehen, warum ich sie vorher nicht gesehen habe. Es ist beeindruckend, was für einen Vorgang des Sehens und Erfassens die entscheidende Information auslöst. Damit wird der künstlerische Prozess quasi durch den Betrachter vollendet – ein Effekt, den die Künstler in ihrem Werk angelegt haben.

Weiter gehts…

Ein anderer Raum im Obergeschoss beeindruckt zudem mit Exponaten besonders namhafter Künstler. Da hängen Arbeiten von Gerhard Richter, David Hockney und Chuck Close. Kleine und große Entdeckungen, bekannte und unbekannte Namen und ganz verschiedene Richtungen der zeitgenössischen Kunst – die Ausstellung hat eine große Bandbreite zu bieten. Es geht bei dieser Auswahl gerade um die Vielfalt der künstlerischen Positionen in der zeitgenössischen Kunst. Dabei zeigt die Ausstellung die Werke nicht etwa nach Entstehungszeit und Kunstströmung sortiert. Eine davon unabhängige Anordnung will neue Bezüge und Gegenüberstellungen herstellen und wirkt damit besonders anregend. Dementsprechend voller Eindrücke komme ich aus der Ausstellung und denke nun gleich wieder an Kaffee. Diesmal möchte ich ihn aber nicht am Boden, sondern in der Tasse. Ich stärke mich im Museumscafé erstmal mit einem Cappuccino.

Derzeit werden noch einige Tafeln des Genter Altars im Museum für schöne Künste, dem MSK Gent restauriert. Hier sind vier der Außentafeln in der Werkstatt der Restauratoren zu sehen. Foto: Meike Nordmeyer

Nun lockt noch viel mehr Kunst in der Stadt zu weiteren Besichtigungen. Das Museum für schöne Künste, das MSK Gent, mit Werken vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert liegt gleich neben dem S.M.A.K. Und in der Altstadt gibt es in Sachen Kunst noch ein absolutes Highlight zu erleben: In der St.-Bavo-Kathedrale kann der legendäre Genter Altar besichtigt werden. Das Gemälde mit dem Titel „Die Anbetung des Lamm Gottes“ wurde von den Gebrüdern Van Eyck im 15. Jahrhundert geschaffen. Es gilt als eines der wichtigsten Kunstwerke des ausgehenden Mittelalters.

Wegen seiner enormen kunstgeschichtlichen Bedeutung und ebenso aufgrund einer langen, sehr verwickelten Reihe von mehrfachem Kunstraub zu späteren Zeiten ist es weltberühmt. Nach seiner wechselvollen Geschichte hängt das alte Gemälde nun fast vollständig wieder in der Kirche, für die es einst geschaffen wurde und kann dort besichtigt werden. Also, einen Kaffee zur Stärkung trinken und hingehen!

Derzeit werden übrigens noch einige Tafeln des Genter Altar im MSK restauriert. Im kommenden Jahr werden anlässlich des Van Eyck-Jahrs 2020 ab 1. Februar die Außentafeln des Genter Altars im MSK im Rahmen einer umfangreichen Ausstellung zu dem Künstler Jan Van Eyck gezeigt. Die acht Tafeln wurden noch nie in einer Ausstellung gezeigt. Sie werden damit zum ersten Mal mit anderen Werken von Jan van Eyck und seinem Atelier zusammengebracht. Im Mai 2020 kehren die Tafeln dann in die St.-Bavo-Kathedrale zurück. Damit ist dort wieder das (bis auf eine verschollene Tafel) komplette Polyptychon, also der vielteilige Flügelaltar zu sehen.

Weiterführende Informationen…

Mehr zu der Ausstellung „Van Eyck – An Optical Revolution“ ab 1. Februar 2020 gibt es hier

Die Jubiläumsausstellung im S.M.A.K. ist schon eröffnet und noch bis zum 29. September 2019 zu sehen. Mehr Infos

Antwerpen, Flandern, Kirsten Lehnert, Kulinarik, Kultur, Neu auf dem Flandern-Blog

Die Chocolate Nation – Wie süß! Ein Museum zum Dahinschmelzen

von Kirsten

Kennt ihr den Film „Charly und die Schokoladenfabrik“? Ich war neulich in Antwerpen in einem neuen Museum, da musste ich unweigerlich an diesen Film denken. Nicht nur, weil sich hier alles um Schokolade dreht, sondern weil hier auch so herrlich verspielt-mechanisch gezeigt wird, wie Schokolade hergestellt wird. Schokoladenmuseen gibt es in Belgien ja schon ein paar. Aber die „Chocolate Nation“, die jetzt in Antwerpen eröffnet wurde, war selbst oder gerade für mich als Chocoholic ein besonderes Erlebnis. Und ich habe dabei sogar die Bekanntschaft mit Ruby gemacht – der Beginn einer sicher langen Freundschaft. Aber der Reihe nach:

Belgien ist ja bekanntlich Wiege und Herz der Schokoladenproduktion. Heute haben zwei der weltweit größten Schokoladenfabriken ihren Sitz in Belgien; Antwerpen ist einer der größten Importhäfen der Welt für Kakaobohnen. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass man (auch und vor allem) in Antwerpen die Ergebnisse der Genussproduktion – ob maschinell oder handgemacht – an fast jeder Ecke probieren kann: Ihr findet hier Geschäfte von allen großen belgischen Schokoladenmarken und zahlreiche Chocolatiers bieten ihre von Hand gefertigten Genuss-Kreationen an.  

Das größte belgische Schokoladenmuseum der Welt

© Chocolate Nation
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