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Bei Bruegel, mit Bruegel, wie Bruegel und Bruegel ohne Bruegel

von Jan-Kai Vermeulen

Pieter Bruegel der Ältere lässt sich schon seit Jahren erradeln – auf der Bruegelfietsroute im Pajottenland westlich von Brüssel. Hier war der große Meister häufig mit Pinsel und Leinwand unterwegs, hier hat man später zahlreiche Motive aus seinen epochalen Bildern entdeckt. Jetzt, im Jahr des 450. Todestages (9.9.1569), bietet die Tour einige sehr besondere Attraktionen. Ich mache mich mit meinem Bike auf den 45 Kilometer-Rundkurs.

Die Bruegel-Kirche Sint-Anna Pede, Foto Toerisme Pajottenland & Zennevallei, Luc Bohez

Startpunkt früh am Morgen ist das Besucherzentrum von Sint-Anna-Pede, wo mich bei Rückkehr einer der Höhepunkte der Tour erwarten wird. Los geht es über meist asphaltierte Feldwege meist jenseits vom Autoverkehr. Die Landschaft ist sehr kleinteilig: Wiesen, Äcker, Gehöfte, niedrige Buchenhecken, die Wäldchen, als wäre alles ein Spielzeugland. Plötzlich stehen massive Holztafeln mit Bruegel-Bildern am Rand, ohne Vorwarnung, also Vollbremsung aus der rollenden Behaglichkeit. Hinweise erläutern, was der Meister der postmittelalterlichen Wimmelbilder hier (vermutlich) gemacht hat. Bruegel hat seine Werke – Landschaften, drastische Horrorphantasien oder das beschauliche Dorfleben seiner Zeit – gern aus Collagen vieler Motive komponiert: wilde Kulissen, auch alpine Schroffheiten, Phantastisches – und eben die sanfte Milde des Pajottenlandes. Bruegel, der malende Landschafts-Erfinder.

Eine Augenweide: Floralia rund um Schloss Groot-Bijgaarden

Schloss Groot-Bijgaarden am Rand von Dilbeek liegt drei Kilometer abseits der Radroute. Macht nichts, der Abstecher ist es mir wert. Im Schlosspark ist gerade, wie jedes Jahr, die Floralia gestartet: Mehr als eine Million Blumenzwiebeln sind in der Erde versenkt. Eine Million! Tulpen, Hyazinthen, Narzissen, Gladiolen, dazu seltene Orchideen: Alles was Bruegel an Farben auf der Palette hatte, haben Züchter heute in ihre Blumen gezaubert. Und Bruegel selbst ist in diesem Jahr hier auch allgegenwärtig.

20 seiner berühmtesten Bilder sind im Gelände verteilt, naturnah eingebettet in Arrangements von Blüten, Blättern, Installationen: Getrocknete Blumen und Weizenähren umrahmen zum Beispiel das Bild „Die Kornernte“ im sehr französischen Terrassengarten. Was nicht auf die 14 Hektar Wiesen passte, kam blühend in Gewächshäuser – und dazu etwa Bruegels „Die tolle Grete“ inmitten von rosa Heckenrosen-Ranken. Der 1. Stock des Schlossturms ist als Ess-Saal hergerichtet zum Bild „Die Bauernhochzeit“. Drumherum ist Lavendel ausgelegt. Also: Bruegel riecht auch gut.

Weiter auf Bruegels Ronde van Vlaanderen. Vorbei an mäandernden Flüsslein, über sanfte und deshalb radfreundliche Hügel, Dauerzwitschern in der Luft, blühende Obstbäume, das Saftgrün der Wiesen. Was mich überrascht: immer wieder kleine Eselgruppen auf den Weiden. Für Bruegel muss es noch schöner gewesen sein: der hatte kaum Zäune und keine gelegentliche Stromtrasse im Blick, keinen Traktor hinter sich, im Ohr nicht das Grundrauschen des Brüsseler Rings nebenan, das bei Ostwind herüberweht. Die Ausschilderung ist verlässlich – aber Achtung: es gibt sie nur gegen den Uhrzeigersinn.

Kasteel Gaasbeek © Piet De Kersgieter

Kasteel Gaasbeek, hoch über dem gleichnamigen Örtchen, ist das zweite Pajottenland-Schloss ganz im Zeichen Bruegels. Es beherbergt ein kühnes Unterfangen: Die Ausstellung „Das Narrenfest – Bruegel wiederentdeckt“. Es dauert etwas, bis ich das Konzept kapiere: Bruegel ohne Bruegel. Hier sind Bilder zu sehen, die 300 oder 400 Jahre nach Bruegel mit Bruegel-Stilistik und -Techniken arbeiteten.

Ein Quell der Fantasie: Viele Hundert Gemälde von Otto Dix, George Grosz, die Leichenfratzen von James Ensor und viele andere, ähnlich und doch anders. In einem Raum steht eine digitale Musikbox, abrufbar sind zwei Dutzend Lieder mit Bruegel-Bezug, von Jacques Brel, Wannes van de Velde, György Ligeti, Sinfonieauszüge dazu. Lustig: Der besungene Maler. Vom Schlosspark hoch oben ein Panorama-Blick über das milde Land. Noch mehr Saftgrün. Bescheiden aufragende Kirchtürme, ein Kaltblut schlurft unten entlang. Und hinter mir schreit der Schlosspfau als lebende Installation. Sicher ruft er nach Bruegel.


Weiter geradelt durch das nächste nette Örtlein: Sint-Pieters-Leeuw. Kurz danach das einzige Mal verfahren (ich bin sicher, da fehlte ein Rechtsabbiegeschild!). Dann zurück in Sint-Anna. Hier ist seit April ein sieben Kilometer langer Fuß-Rundweg (gutes Schuhwerk bei Nässe!) ausgeschildert: „Rekonstruktion einer Landschaft – mit den Augen Bruegels.“ Eine Freiluftausstellung mit 15 kühnen zeitgenössischen Werken: hölzerne Windmühle, grazile Anbauten am wuchtigen Eisenbahn-Viadukt, wehende Tücher silbern und bunt in einem kleinen Hain, Badewannen-Wasserspiele, ein Trumm von Faust mitten auf einem Acker. Wenn man den Kunstbegriff weit genug fast, muss man auch die belgischen Briefkästen vieler Epochen zu den Exponaten zählen (Dauerausstellung Straßenränder). Zu dieser Wanderung voller Überraschungen gehören natürlich auch Bruegel-Originalorte selbst: etwa die Wassermühle von Sint-Gertrudis-Pede. Sie ist in die Gemälde „Die Elster auf dem Galgen“ und „Die Jäger im Schnee“ eingearbeitet.

Voll mit Bruegel-Tafeln ist auch das innen schmuck aufgeputzte Kirchlein Sint-Anna-Pede, das im Bild „Der Blindensturz“ sehr prominent zu erkennen ist. Auf dem Altar ein zwei Meter breites Bild wie von Bruegel: Die fantastische Panoramacollage des belgischen Fotokünstlers Filip Dujardin. Gebirgszüge, darin Wolkenkratzer versteckt wie beim Meister schon mal eine Kirche, Windrotoren statt Windmühle, Häuser, Miniautos, alpine Palmen. Absurd, unlogisch, großartig. So würde Bruegel 2019 malen.

Und jetzt eines der berühmten sauren Lambic-Biere der Gegend, das mit den wilden Hefen. Heute mit Kirscharoma.

INFOS:

Anreise geht auch ohne Auto. Von Bahnhof Brussel Midi/Zuid etwa 15 km per Zug nach Dilbeek oder per Bus nach Sint-Anna, Linie 118 (30 Minuten). Infos unter www.delijn.be

Radverleih: Bahnhof Brüssel Midi oder in Gooik oder via villo.be.

Sportliche Naturen schaffen die Tour an einem Tag, insbesondere mit Pedelecs. Zwei Tage geben mehr Muße.

Übernachtung: z. B. B&B Bodegem in Dilbeek www.bbbodegem.be

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