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Flämische Meister

Brügge, Flandern, Janett Schindler, Kultur

Das Gruuthusemuseum – in drei Jahrhunderten durch Brügge

Blick auf das Gruuthusemuseum und die Kathedrale

von Janett Schindler

Brügge bietet viele spannende Orte, die es zu entdecken gilt. Mehr als 30 Kirchen (rund die Hälfte davon in der Altstadt), zahlreiche Museen, Kunstausstellungen und beeindruckende Plätze verführen so manchen Touristen zum Verweilen. Nicht erst „Brügge sehen und sterben“ hat zahlreiche Gäste in die Stadt in Flandern gelockt. Die Kombination zwischen schmucken alten Häusern und ansehnlichen Grachten ist einfach sehenswert.

Seit Mai 2019 hat Brügge ein weiteres Highlight.

Zentral gelegen könnt ihr eine Zeitreise in das Mittelalter von Brügge erleben. Das Gruuthusemuseum – das kann ich vorab schon verraten – lässt nicht nur Kunstfans und Zeitreisende wie mich begeistert zurück.

Blick aus dem Gruuthuse Museum, © Janett Schindler

Rund 5 Jahre war das Gruuthusemuseum geschlossen, rund 9 Millionen wurden für die Neugestaltung investiert und eine ganze Woche wurde im Mai die Wiedereröffnung des Stadtpalais der Familie Gruuthuse gefeiert.

Reisen wir zurück in die Zeit.

1425 war es, als Johann IV von Gruuthuse mit dem Bau eines Herrenhauses am Dijverkanal begann. Die Familie Gruuthuse verdiente ihr Geld mit Grut (Eine Art Kräutermischung). Das Grut war im Mittelalter Bestandteil des Bieres. Selbiges wurde von jedermann getrunken – demzufolge hatte die Familie viel Geld und somit auch viel Einfluss im Burgundischen Brügge.

Map of Bruges, 1546 – 1600, Anonymous master, Bild © Janett Schindler

Selbst nachdem Grut nicht mehr genutzt wurde durfte die Familie Steuern auf Bier erheben. So kommt es auch, dass über mehrere Jahrhunderte wertvolle Kunstwerke, Wandteppiche und Zeitdokumente durch die Familie gesammelt wurden. Als Museum fungiert das Stadtpalais seit 1888. Die letzte umfangreiche Restauration fand in den letzten Jahren statt – ich finde – es hat sich gelohnt!

Besucht mit mir das Gruuthusemuseum!

Auf dem Hof des Gruuthusemuseum stoßen Gegenwart und Vergangenheit aufeinander. Der modern wirkende Ticketshop ist für alle Besucher der erste Anlaufpunkt.

Gruuthusemuseum, © Janett Schindler

Erst von dort geht es mit einem Audioguide durch eine liebevoll verzierte Eingangstür. Der “Lockerroom” war früher einmal der Raum für die Guillotine – heute jedoch passiert hier keinem Gast etwas.

Lockerroom im Gruthuusemuseum, © Janett Schindler

Von dort aus werden wir in drei Zeitepochen in das Leben der Familie Gruuthuse hineingezogen. Gut besucht ist das Museum – Mehrsprachig in Wort und Schrift ist es jedoch nicht nur für Einheimische spannend. Ich bin sehr begeistert von den prunkvoll verzierten offenen Kaminen und den wunderschön bemalten Decken.

Deckenkunst im Eingangsbereich des Museums, © Janett Schindler

Vor allem im Eingangsbereich kann ich meine Augen gar nicht mehr von der Deckenkunst nehmen!

Bild: © Janett Schindler

In der ersten Etage lerne ich Lodewijk van Gruuthuse kennen. Er – der Sohn vom Erbauer – brachte den Namen Gruuthuse zu weitreichendem Ruhm. Er selbst war viele Jahre Statthalter von Brügge und wurde vom englischen König zum Earl ernannt. Einige der über 600 Ausstellungstücke entstammen dieser Epoche – sie bilden den Kern der Ausstellung in der ersten Etage. Mit Touchscreens, Riechproben und echt wirkenden Dokumenten zum Anfassen ist die Ausstellung abwechslungsreich und vielfältig.

Blick ins Museum, © Janett Schindler

Der Leitfaden “Plus est in vous” (Es steckt mehr in dir!) zieht sich dabei durch die gesamte Ausstellung. Fast 45 Minuten verbringe ich im Erdgeschoss. Über eine Wendeltreppe mache ich einen Zeitsprung und befinde mich kurze Zeit später im 17ten Jahrhundert.

Blick ins Museum, © Janett Schindler

Dort entdecke ich nicht nur eine gedeckte Tafel mit schickem China – Geschirr und zahlreiche barocke Kunstwerke, sondern auch eine kleine Gebetskapelle (Ein Verbindungsstück zwischen der Onze-Lieve-Vrouwerk und dem Stadtpalais). Der Exklusiv-Zugang zur Kirche wirkt wie aus einer anderen Zeit – fasziniert bin ich von der Holzmalerei und den Schnitzereien in der fast golden wirkenden Kapelle.

© Janett Schindler

Im Laufe der Führung stelle ich schnell fest: Nicht die Familie Gruuthuse steht im Mittelpunkt – vielmehr erfahre ich hier sehr viel über die Geschichte der Ober und Mittelschicht der Brügger Bewohner im Laufe der Zeit.

Kein klassisches Museum

In der dritten Etage bin ich von den zahlreichen Eindrücken ein wenig fertig. Ich lasse mich auf eine Couch fallen die an einer Wand steht. Kurz darauf der Gedanke “Verdammt – ich bin hier in einem Museum!” Eine Museumsführerin beruhigt mich. Diese Couch aus dem Neoklassizismus darf benutzt werden. Hier darf man sich setzen und auch eines der zahlreichen Dokumente aus dem Hause Gruuthuse lesen.

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Flandern, Gent, Kultur, Meike Nordmeyer

Wenn der Kaffee unter den Füßen knirscht

Jubiläumsausstellung im S.M.A.K in Gent

von Meike Nordmeyer

Kaffee trinken kann man in fast jedem Museum in der zugehörigen Cafeteria. In der aktuellen Jubiläumsausstellung im S.M.A.K., dem Städtischen Museum für Aktuelle Kunst in Gent, geht mehr. Da lässt es sich auch auf Kaffee laufen und das ist eine besondere Erfahrung. Es ist ein bisschen wie am Strand, nur dass es dazu betörend duftet. Der brasilianische Künstler Artur Barrio hat seine Rauminstallation mit dem Titel „Interminável“ von 2005 für diese Sonderausstellung erneut realisiert. Der Boden in dem Raum ist komplett mit grob gemahlenen Kaffeepulver bedeckt. An einer Stelle ist sogar ein kleiner Hügel des körnigen Materials angelegt, und es gibt auch einen Berg aus Brot. In der Mitte ist ein Sofa aufgestellt, einzelne Leuchten sind im Raum verteilt.

Kaffeepulver bedeckt den Boden – der brasilianische Künstler Artur Barrio hat seine Rauminstallation mit dem Titel „Interminável“ von 2005 für die Sonderausstellung erneut realisiert. Foto: Meike Nordmeyer

Die Wände sind stellenweise mit Kaffeeflecken übersät und auch vollgekritzelt. All das macht den insgesamt spärlich beleuchteten Raum zu einem besonderen Ort von dichter Atmosphäre. Das dunkelbraune Kaffeepulver zeigt auch eine Anmutung von Erde und das sorgt für einen gewissen archaischen Charakter. „Es ist ein bisschen crunchy“, so bemerkt zudem eine Besucherin, als sie mit dem Fuß über den Boden schabt und damit ein knirschendes Geräusch erzeugt und verschiedene Striche in das Pulver am Boden zeichnet. „Jeder hinterlässt hier seine Spuren“, sagt Kunstdozent Antoon Lamon, der mich als Guide durch die Ausstellung führt.

Ich steh voll auf Kaffee im S.M.A.K. – das habe ich so noch nie gemacht. Foto: Meike Nordmeyer

20 Jahre S.M.A.K. – anlässlich dieses Jubiläums lädt das Museum derzeit zu einer großen Ausstellung unter dem Titel „Highlights for a Future – The Collection (1)“ ein, die eine Auswahl von 200 Arbeiten aus dem umfangreichen Sammlungsbestand von insgesamt 3000 Werken zeigt. Seit 1999 ist das Museum im ehemaligen Casino der Stadt untergebracht und hat damit seinen Standort direkt neben dem Museum für schöne Künste im Citadelpark. Das S.M.A.K. gilt als wichtigste öffentliche Sammlung belgischer und internationaler zeitgenössischer Kunst in Belgien. Strömungen wie Pop-Art, Konzeptkunst und Arte Povera sind beispielsweise vertreten. Es beherbergt Werke namhafter Künstler wie unter anderem Joseph Beuys, Marcel Broodthaers, Panamarenko, Jim Dine und David Hockney.

Der von Artur Barrio geschaffene Kaffeeraum hat mich gleich zu Beginn der Jubiläumsausstellung sehr beeindruckt. Der herbe Duft des Kaffees weht mir noch in der Nase und meine weißen Turnschuhe sind vom braunen Pulver bleibend berieselt – da bekommt die Bezeichnung „Coffee to go“ eine ganz neue Bedeutung. So ziehe ich nun weiter durch die Ausstellung und lausche den spannenden Ausführungen von Antoon.

Das Werk an der hinteren Wand stammt von der Künstlergruppe „Art & Language“. Es bezieht sich auf den Stil von Jackson Pollock und insbesondere auf das Gemälde „Guernica“ von Picasso. Auf dem Boden ist die Arbeit „Untitled (blue glitter) von Ann Veronica Janssens zu sehen. Foto: Meike Nordmeyer

In einem weiten, von einem Oberlicht erhellten Raum hängt ein großformatiges Bild, das nach Action-Painting aussieht und unmittelbar an die schwarz-weißen Bilder von Jackson Pollock erinnert. Das Werk der Künstlergruppe „Art & Language“ bezieht sich aber nicht nur darauf, sondern auch auf das Gemälde „Guernica“ von Picasso. Antoon weist mich darauf hin und zieht eine Abbildung dieses Gemäldes aus seiner Mappe hervor. Obwohl ich das berühmte Bild von Picasso gut kenne, hatte ich den Bezug in dem Gewusel der Striche nicht bemerkt. Doch jetzt tut sich was, die eingearbeitete Struktur gibt sich zu erkennen und entfaltet sich quasi vor meinem nun wissenden Auge.

Ich entdecke immer mehr Motive von Picassos Gemälde und kann nun gar nicht mehr verstehen, warum ich sie vorher nicht gesehen habe. Es ist beeindruckend, was für einen Vorgang des Sehens und Erfassens die entscheidende Information auslöst. Damit wird der künstlerische Prozess quasi durch den Betrachter vollendet – ein Effekt, den die Künstler in ihrem Werk angelegt haben.

Weiter gehts…

Ein anderer Raum im Obergeschoss beeindruckt zudem mit Exponaten besonders namhafter Künstler. Da hängen Arbeiten von Gerhard Richter, David Hockney und Chuck Close. Kleine und große Entdeckungen, bekannte und unbekannte Namen und ganz verschiedene Richtungen der zeitgenössischen Kunst – die Ausstellung hat eine große Bandbreite zu bieten. Es geht bei dieser Auswahl gerade um die Vielfalt der künstlerischen Positionen in der zeitgenössischen Kunst. Dabei zeigt die Ausstellung die Werke nicht etwa nach Entstehungszeit und Kunstströmung sortiert. Eine davon unabhängige Anordnung will neue Bezüge und Gegenüberstellungen herstellen und wirkt damit besonders anregend. Dementsprechend voller Eindrücke komme ich aus der Ausstellung und denke nun gleich wieder an Kaffee. Diesmal möchte ich ihn aber nicht am Boden, sondern in der Tasse. Ich stärke mich im Museumscafé erstmal mit einem Cappuccino.

Derzeit werden noch einige Tafeln des Genter Altars im Museum für schöne Künste, dem MSK Gent restauriert. Hier sind vier der Außentafeln in der Werkstatt der Restauratoren zu sehen. Foto: Meike Nordmeyer

Nun lockt noch viel mehr Kunst in der Stadt zu weiteren Besichtigungen. Das Museum für schöne Künste, das MSK Gent, mit Werken vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert liegt gleich neben dem S.M.A.K. Und in der Altstadt gibt es in Sachen Kunst noch ein absolutes Highlight zu erleben: In der St.-Bavo-Kathedrale kann der legendäre Genter Altar besichtigt werden. Das Gemälde mit dem Titel „Die Anbetung des Lamm Gottes“ wurde von den Gebrüdern Van Eyck im 15. Jahrhundert geschaffen. Es gilt als eines der wichtigsten Kunstwerke des ausgehenden Mittelalters.

Wegen seiner enormen kunstgeschichtlichen Bedeutung und ebenso aufgrund einer langen, sehr verwickelten Reihe von mehrfachem Kunstraub zu späteren Zeiten ist es weltberühmt. Nach seiner wechselvollen Geschichte hängt das alte Gemälde nun fast vollständig wieder in der Kirche, für die es einst geschaffen wurde und kann dort besichtigt werden. Also, einen Kaffee zur Stärkung trinken und hingehen!

Derzeit werden übrigens noch einige Tafeln des Genter Altar im MSK restauriert. Im kommenden Jahr werden anlässlich des Van Eyck-Jahrs 2020 ab 1. Februar die Außentafeln des Genter Altars im MSK im Rahmen einer umfangreichen Ausstellung zu dem Künstler Jan Van Eyck gezeigt. Die acht Tafeln wurden noch nie in einer Ausstellung gezeigt. Sie werden damit zum ersten Mal mit anderen Werken von Jan van Eyck und seinem Atelier zusammengebracht. Im Mai 2020 kehren die Tafeln dann in die St.-Bavo-Kathedrale zurück. Damit ist dort wieder das (bis auf eine verschollene Tafel) komplette Polyptychon, also der vielteilige Flügelaltar zu sehen.

Weiterführende Informationen…

Mehr zu der Ausstellung „Van Eyck – An Optical Revolution“ ab 1. Februar 2020 gibt es hier

Die Jubiläumsausstellung im S.M.A.K. ist schon eröffnet und noch bis zum 29. September 2019 zu sehen. Mehr Infos

Brüssel, Flämische Meister, Flandern, Kirsten Lehnert

Begegnungen mit Pieter Bruegel

von Kirsten

Neulich bin ich schmunzelnd aus einer Kirche gekommen. Warum? Weil ich dort eigentlich auf der Suche nach dem Grab von Pieter Bruegel war, stattdessen aber auf eine Reihe ungewöhnlicher Figuren stieß.

Bilder: Kapellerkerk, © Bowling Visit Flanders

Da ragten plötzlich kleine Beinchen aus einem Taufbecken, als wäre gerade ein kleines Männchen zum Schwimmen reingesprungen. Links neben dem Altar entdeckte ich ein behelmtes Wesen, das an einer Säule emporklettert als wolle es sich mit dem steinernen Totenkopf über ihm anlegen. Als ich den Engel sah, der über dem Altarraum in der Luft schwebt, da kam mir die Eingebung. Der Engel hatte nämlich verblüffende Ähnlichkeit mit einer Figur aus meinem Lieblingsbild von Pieter Bruegel „Der Sturz der rebellierenden Engel“.

Ich hatte bei meinem Besuch in Brüssel den Spuren Bruegels folgen wollen und war dabei zwangsläufig in der Kapellekerk gelandet. Der große flämische Meister, der damals um die Ecke dieser Kirche im Marollenviertel wohnte, hat hier geheiratet und wurde auch hier begraben. Aber zurück zu den Figuren. Ich fand nicht nur weitere skurrile Figuren dieser Art in der ganzen Kirche (manchmal muss man schon ganz genau hingucken), sondern am Eingang der Kirche auch die Erklärung dazu: Ein passendes Heft für diese Schnitzeljagd, in dem alle Figuren aufgeführt werden, die es zu finden gilt. Sie stammen allesamt aus Bruegel-Bildern und sind somit Appetithäppchen auf das Bruegel-Jahr, das 2019 anlässlich des 450. Todestags des Malers gefeiert wird.

Den Hunger stillen kann man übrigens nicht erst Ende Februar 2019, wenn die ersten der großen Sonderausstellungen in und um Brüssel eröffnen. Schon jetzt gibt es viele permanente Angebote rund um Bruegel in der Stadt.

Ständig da ist zum Beispiel die Bronzeskulptur direkt vor der Kirche, die den Künstler in Malerpose zeigt und die immer gut für ein Selfie ist. Nur wenige Meter weiter, in der Rue Haute 132, findet ihr das eher unscheinbare Wohnhaus von Pieter Bruegel. Einige Fußminuten von der Kirche entfernt, oben auf dem Mont des Arts, wo einst die mächtigen Mäzene des Künstlers residierten, findet ihr heute zahlreiche Werke von Bruegel im Original.

Die Königlichen Museen der Schönen Künste von Brüssel (KMSKB) etwa besitzen die weltweit zweitgrößte Bruegel-Gemäldesammlung. Hier habe ich mich nach dem ungewöhnlichen Kirchenbesuch noch mal richtig in die Kunst vertieft. Und ich habe tatsächlich einige Figuren aus der Kirche wiedererkannt. Denn schließlich hängt hier im Bruegel-Saal das Originalbild mit den rebellierenden Engeln. Wie viele andere Bruegel-Bilder ist es ein wahres Wimmelbild, das unzählige Geschichten erzählt. Manch winziges (und oft witziges) Detail bliebe einem vielleicht ewig verborgen, wären da nicht die „Unseen Masterpieces“. Das ist eine virtuelle Ausstellung in den KMSKB mit neun Touchscreens, die die Meisterstücke zeigt, wie ihr sie noch nie gesehen habt. Zusammen mit Google wurden 12 Meisterwerke renommierter Museen in einer unfassbar hohen Auflösung – megapixel-genau – aufgenommen und nun so präsentiert, dass man sich so weit in die Bilder hineinzoomen kann, wie man will. In einer „Bruegel Box“ könnt ihr sogar selbst in die Bruegelschen Bilderwelten eintauchen. Denn hier werden die Bilder flächendeckend an die Wände eines eigenen Musemsraums projiziert und erläutert.

Brüssel-Bruegel-Box

Noch ganz beglückt von diesem intensiven Kunstgenuss und von der Tatsache, dass ich so viele meiner neuen Bekannten aus der Kapellekerk wieder getroffen hatte, verließ ich auch das Museum schmunzelnd. Ich hätte nie gedacht, dass alte Meister so viel Spaß machen können!

Flandern, Kirsten Lehnert, Kultur

Chambre Privée – Im Wohnzimmer mit den Flämischen Meistern

von Kirsten

Ward ihr schon mal bei einem Kunstsammler zuhause? Könnt Ihr euch vorstellen, wie jemand, der kostbare Bilder etwa von den Flämischen Meistern besitzt, diese in den eigenen vier Wänden anordnet? Hängt ein Brueghel über dem Sofa? Und gleich neben dem Fernsehsessel ein Brouwer? Sieht ein passionierter Kunstsammler überhaupt fern? Da möchte man doch gerne mal einen Blick durchs Schlüsselloch werfen.

Private Einblicke

Chambre Privée, © Peter Hinschläger

Ein 91-jähriger Kunstsammler erlaubt jetzt einen solchen, seltenen Blick in seine Privaträume. Das bedeutet nicht, dass er die kunstinteressierte Öffentlichkeit in Scharen durch sein stilvoll eingerichtetes heimisches Wohnzimmer laufen lässt – schließlich möchte der alte Herr auch gern anonym bleiben. Nein, seine kunstvoll bestückten Räume kommen ins Museum: als Pop-up-Wohnzimmer mit Originalbildern und mit Fotowänden, auf denen Ambiente und Atmosphäre des Sammler-Zuhauses eingefangen sind. Die Idee, Einblicke in die Wohnzimmer von Privatsammlern zu geben, hatte Sarvenaz Ayooghi, Gemäldekuratorin am Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen. Und sie entwickelte daraus das ungewöhnliche Ausstellungsformat „Chambre Privée“, das am 8. November mit der Schau der Flämischen Meister im Kaminraum des Museums startet. Drei Monate lang, bis zum 3. Februar 2019, sind dann die privaten Räume des Sammlers, der auf flämische und holländische Malerei spezialisiert ist, für Besucher „begehbar“.

 

 

Ihr seht opulente Blumenbouquets und Silberpokale, im Vitrinenschrank Meissner-Figuren und barocke Buckelgläser, auf der reich verzierten Rokoko-Kommode eine kostbare Empire-Tischuhr. Alles ist sorgsam arrangiert und gerahmt von gerafften Vorhängen – als beträte man ein Stillleben. Und dann wird der Blick gefesselt von den Gemälden an den Wänden. Hier hängen 14 echte Meisterwerke des 17. und 18. Jahrhunderts, darunter die „Seeküste mit Scipionengrab“ von Jan Brueghel d.Ä. oder die wunderschöne Berglandschaft von Paul Bril, aber auch Bilder von Ambrosius Bosschaert über Frans Snyders bis Adriaen Brouwer.

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Flämische Meister, Flandern, Kirsten Lehnert

Wie Jan van Eyck die Malerei revolutionierte

von Kirsten

Falten, Bartstoppeln, Tränensäcke oder schiefe Nasen – ist euch schon mal aufgefallen, dass man sowas früher auf Gemälden nicht gefunden hat? Im Gegenteil, da wurde kräftig idealisiert und geschönt. Das änderte sich erst im Spätmittelalter mit Jan van Eyck (um 1390 bis 1441), einem der bedeutendsten Flämischen Meister und Wegbereiter der „Flämischen Primitiven“. Der Begriff, der aus dem 19. Jahrhundert stammt und für eine besondere Künstlergruppe und eine Malerei steht, wird heute kaum noch verwendet. Kein Wunder, verbindet man mit dem Wort „primitiv“ doch alles andere als das, was Künstler wie Jan van Eyck, Hans Memling, Hugo van der Goes und Gerard David damals geschaffen haben.

Schauen wir uns genauer an, was das revolutionär Neue war: Die „altniederländische Malerei“ wie es heute in der Kunstgeschichte heißt, steht nicht nur für fotografisch detaillierte Oberflächendarstellungen, für die schonungslos naturalistische Abbildung von echten Menschen mit all ihren Makeln. Sie steht auch für eine seit der Antike nicht mehr erreichte Naturbeobachtung und -treue sowie äußerst wirkungsvoll eingesetzte Lichteffekte und Farben. Zudem wurden die im Mittelalter üblichen Goldgründe durch realistische Landschaften als Bildhintergrund ersetzt. Es änderte sich aber nicht nur Maltechnik: Plötzlich hatten die Heiligen ihren Platz nicht mehr nur in den Gotteshäusern, sondern auch in den Wohnstuben der Bürger – wenn auch nur der Wohlhabenden. Diese ‘Verbürgerlichung’ und fotorealistische ‘Natürlichkeit’ weisen schon in die Neuzeit und sie begründen die europäische Malerei, wie wir sie heute noch kennen und bewundern. Eine ungemein wichtige Kunstepoche also. Weiterlesen …

Flämische Meister, Kirsten Lehnert

Rubens und Moretus – eine fruchtbare Freundschaft mit Folgen

von Kirsten

Ich liebe Bücher und ich habe ein ausgesprochenes Faible für Kunst und Design. Ich verbringe viele Stunden in Museen, Ausstellungen und Bibliotheken. Die neue Ausstellung „Baroque Book Design. Eine Geschichte über Freundschaft und Zusammenarbeit“ im Museum Plantin-Moretus in Antwerpen ist daher ganz nach meinem Geschmack. Bis zum 6. Januar 2019 ist sie noch zu sehen. Sie ehrt nicht nur die Zunft der Buchgestalter, sondern auch Peter Paul Rubens als Buchdesigner.

Nachdem im Juni ja schon die ersten Ausstellungen im Rahmen des Themenjahres „Antwerp Baroque 2018. Rubens inspires“ eröffnet haben, folgt nun der zweite Schwung. Und dabei richten sich die Scheinwerfer des Festivals – in der Geburtsstadt des epochalen Topstars – auch wieder auf den großen Künstler persönlich. Dass Rubens mit seinen prallen Damen Lebenslust, Überschwang, Pioniergeist und ganz viel Emotion verkörpert, ist hinlänglich bekannt. Eher im Hintergrund bleiben häufig andere Aspekte seines künstlerischen Schaffens und des Netzwerks, das Rubens zeitlebens pflegte – etwa die Freundschaft mit dem Antwerpener Verleger Balthasar Moretus. Dieser lebte von 1574 bis 1641 und war Enkel des berühmten Christoffel Plantin und Sohn von Jan Moretus, den Begründern der großen Druckerdynastie in Antwerpen. Wohnhaus und Druckerei sind heute als Museum zugänglich.

Printing factory, Museum Plantin-Moretus, © Filip Dujardin

Balthasar I Moretus, Titelseite des Breviarum Romanum

In dem prächtigen Gebäude wird die jahrhundertealte Geschichte des Buches und der Buchdruckerkunst zum Leben erweckt. Ihr erhaltet einen Blick in eine einzigartige Sammlung: die ältesten Druckpressen der Welt, eine einmalige Bibliothek mit Zehntausenden von Büchern und eine herrliche Kunstsammlung. Unzählige Buchstaben liegen hier gut sortiert in den Regalen, als hätten die Setzer sie gerade erst dort hingelegt. Kein Wunder also, dass das Museum Plantin Moretus im Jahr 2005 von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt wurde – übrigens als allererstes Museum der Welt.

Die Druckerei ist nicht nur ein eindrucksvolles Technikdenkmal, es ist auch die Keimzelle für eine neuen Gattung Buch. Im 16. Jahrhundert – der moderne Buchdruck in Europa war noch keine hundert Jahre alt – entstanden viele neue Arten von Büchern. Das ist nicht zuletzt Verlegern wie der Familie Plantin-Moretus zu verdanken. Sie suchten nach neuen Wegen, Informationen und Ideen auf Papier zu drucken und zu ordnen. Sie dachten darüber nach, wie Texte besser gesetzt werden konnten, wie Bild und Text zusammenspielten, und was die Titelseite eines Buches darstellen konnte und sollte. Damals entstand das gedruckte Buch, wie wir es heute kennen – und auch heute noch stellen sich Verleger und Designer zu Beginn eines Publikationsprojekts ähnliche Fragen.

Es war Balthasar I Moretus, der erstmals prominente Künstler für seine Buchprojekte gewann. Und hier kommt dann auch Rubens ins Spiel: als Freund der Familie hatte er bereits zahlreiche Familienportraits gemalt. Nun erhielt er zum Beispiel den Auftrag für die Illustrationen für neue Gebetbücher und machte sich damit erstmal als Buch-Designer einen Namen. Der Besuch im Museum Plantin-Moretus lässt daran keinen Zweifel und zeigt, dass auch Rubens‘ Zeitgenossen Erasmus Quellinus, Karel de Mallery, Peeter de Jode und Abraham Van Diepenbeeck Entwürfe für Titelseiten und Illustrationen lieferten und somit im Buchgewerbe mitmischten. Ihr könnt in der Ausstellung tief eintauchen in die Geschichte, das Handwerk und die Kunst des Buches. Weiterlesen …

Antwerpen, Flämische Meister, Flandern, Jan-Kai Vermeulen

Revolutionärer Ozean – Rubens´ Rubens im Rubenshaus

von Jan-Kai

Nein, man könne nicht sagen, Rubens sei ein großer Maler gewesen. Peter Paul Rubens war weit mehr: „Das ganze Gusto, sein präzises Wissen, der unbändige, kraftvolle Drive in ihm und in seiner Kunst, da schießt einem doch heute noch das Blut durch den Körper.“ Ben van Beneden, der Direktor des Rubenshauses in Antwerpen, ist hingerissen von dem Mann, dessen Erbe er im Rubenshuis hütet.

„Caravaggio oder Johannes Vermeer sind fantastisch“, sprudelt es aus van Beneden heraus, „absolut großartig, manchmal ganz große Meister der Stille. Aber doch, Entschuldigung, limitiert, wenn man diesen revolutionären Ozean Rubens sieht“. Rembrandt ja, „auch der genial, aber gegen Rubens…?“ Wobei sich der 61-Jährige gleich korrigiert: „Rubens ist eigentlich gar nicht vergleichbar.“

Rubens (1577–1640) war ein vielseitiger Künstler, er leitete in Antwerpen sein großes Atelier, bildete Lehrlinge des Pinselstrichs aus, galt als Kosmopolit mit gierigem Interesse an der Wissenschaft, er war Kunstsammler, als Diplomat in Europa unterwegs, vielsprachig sowieso und traf sich in Antwerpen mit Kollegen wie van Eyck oder Adriaen Brouwer. „Ein Tausendsassa“, heißt es im Rubenshaus. Sicher, sein Rubens habe, sagt Direktor van Beneden, wie viele Künstler im Barock, auch „Arbeiten nur als Job gemacht, als Auftrag; aber wenn er richtig drin war – wow!“

Ben van Beneden kommt auf ein Portrait zu sprechen, das Rubens von seiner Frau gemalt hat: „Ihr Blick, ihr Fleisch und sie ist ja fast nackt. Diese schiere Tiefe, die alles sprengt. Fantastisch, einfach fan-tas-tisch.“ Sorry, aber wer so schwärmt von einer gemalten Dame, was kann der noch zu seiner eigenen Frau sagen? Ben van Beneden lacht. Doch, er habe ihr schon sein schönstes Kompliment gemacht: „Dich hätte Rubens malen sollen.“

Rubenshuis, © Antwerp Tourism and Convention

Auf ins Rubenshuis, wo der große Meister arbeitete, wohnte und sein Studio leitete. Ein enger Oneway-Rundgang in einem engen Haus mit teils hohen, dunklen Holzdecken und knarzenden, sehr ausgelatschten Treppen: Neben einigen Rubenswerken hängen hier Bilder von Zeitgenossen: Brueghel, van Dyck, Jordaens. Der Engel von Jacopo Tintoretto ist bekannt als Bowies Tintoretto. Popstar David Bowie hatte das Bild vor mehr als 30 Jahren erworben, nach seinem Tod konnte es ein unbekannter Privatsammler bei Sotheby´s ersteigern und stellte es umgehend dem Rubenshaus als Dauerleihgabe zur Verfügung. Seit Juni 2017 ist das Bild der stolzeste Neuzugang, hängt allerdings etwas versteckt, morgens von Lichtstrahlen der Sonne durch ein Fenster schräg bespielt; scheinbar störend – aber vielleicht ist es auch der Heilige Geist oder ein lichterner Gruß von Bowie von ganz oben.

Rubens Selbstportrait im Rubenshuis

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Antwerpen, Flandern, Kirsten Lehnert, Kultur, Neu auf dem Flandern-Blog

Blutleer oder Blutrot? Ein Portrait von Luc Tuymans

Einer der Höhepunkte des Barockjahres 2018 in Antwerpen wird die Ausstellung „Sanguine | Blutrot“ im M HKA sein, bei der Barockmeister mit zeitgenössischen Spitzenkünstlern konfrontiert werden.  Der Kurator der Schau ist selbst Künstler: niemand anderes als der in Antwerpen lebende Luc Tuymans, einer der einflussreichsten Maler der Gegenwart. Ich möchte die Ausstellung zum Anlass nehmen, euch diesen zeitgenössischen flämischen Meister einmal genauer vorzustellen.

Tuymans at work (c) Studio Tuymans

Luc Tuymans bei der Arbeit, © Studio Tuymans

Der 1958 in einem Vorort von Antwerpen geborene Künstler hat viele Bewunderer, aber nicht jeder kann seiner Kunst etwas abgewinnen. „Ausgebleicht die Oberflächen, blutleer und schwindsüchtig, lauter Bilder im Trüben, nebelverhangen“ so urteilte etwa Hanno Lauterberg vor einigen Jahren in der ZEIT über Tuymans Bilder. „Der Belgier Luc Tuymans ist nicht nur Maler, sondern einmal mehr auch ein begnadeter Inszenator des Schreckens“ meinte dagegen Jenny Hoch 2008 im SPIEGEL. Damals richtete ihm das Münchner Haus der Kunst anlässlich seines 50. Geburtstages gerade eine große Werkschau aus. Für Hoch ist Tuymans „Der Maler des Unmalbaren“, der das Grauen auf die Leinwand bannt. Sein beklemmendes Werk (seine Themen reichen von Holocaust, über Brustkrebs, bis Kindesmissbrauch) habe ihn zum Star gemacht. Weiterlesen …

Flämische Meister, Flandern, Kirsten Lehnert

Auch das größte Genie guckt mal ab – Rubens-Schau Städel

Im Juni beginnt das große Barockjahr in Antwerpen. Doch schon jetzt könnt ihr euch mit dem vielleicht prominentesten Vertreter der Flämischen Meister und „Barockstar“ Peter Paul Rubens beschäftigen. Ab dem 8. Februar wird in Frankfurt im Städel Museum die Ausstellung „Rubens. Kraft der Verwandlung“ präsentiert. „Diese Ausstellung“, so meinte die Frankfurter Rundschau kürzlich, „wird in Frankfurt mit Sicherheit zum Publikumsmagneten des Jahres werden“. Auch ich kann euch diese Ausstellung nur wärmstens ans Herz legen: Sie ist sicher eine ideale Einstimmung auf das Themenjahr. Schließlich widmet sie sich einem eher wenig beachteten aber vielleicht einem der spannendsten Aspekte in Rubens‘ künstlerischem Werk: der Auseinandersetzung des Malers mit Quellen und Vorbildern.

Datierung: o. J.Material/Technik: Skulptur / weißer MarmorHöhe: 147 cmInventar-Nr.: MA562

Römisch, Der von Cupido gezähmte Kentaur, Département des Antiquités grecques, étrusques et romaines, Museé du Louvre, Paris © bpk / RMN – Grand Palais

Rubens, Peter Paul; Kentaur, von links, Italien, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Z 05888, Köln

Peter Paul Rubens (1577-1640), Kentaur von Cupido gezähmt, Um 1601/02, Köln, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Graphische Sammlung, © Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_c016031

Zeitlebens orientierte sich Rubens an der Bildhauerkunst der Antike und der Renaissance. In Rubens’ umfangreichem Werk findet ihr auch Einflüsse späterer Kunst aus Italien und nördlich der Alpen, er machte dazu Anleihen bei den alten Meistern des ausgehenden 15. Jahrhunderts und bei seinen Zeitgenossen. Die Schau zeigt zugleich, dass es hierbei nicht um einfaches Abkupfern ging. „Aus diesen fremden Formeln entstehen eigene Ideen, die in rasch ausgeführte, erstaunlich modern anmutende Federzeichnungen einfließen und dann durch Ölskizzen ausgearbeitet werden“ so steht es auf der Website des Kunsthistorischen Museums Wien zur Ausstellung. „Damit eignet sich Rubens Schritt für Schritt die Kunst der Anderen in teils unerwarteter Weise an und machte sie zu seiner eigenen. Es entsteht ein riesiges Repertoire, aus dem er beständig Neues schöpft.“ Weiterlesen …

Flandern, Kirsten Lehnert, Kultur

Von Käfern, Kirchen und Kreuzen – Jan Fabre, der Allroundkünstler aus Antwerpen

Jan Fabre ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Künstler Belgiens. Und wohl eine der innovativsten und bedeutendsten Persönlichkeiten der internationalen zeitgenössischen Kunstszene. Vielleicht habt ihr schon mal etwas von ihm gesehen? Etwa auf einer Biennale in Venedig oder bei der Documenta IX in Kassel, in der Eremitage in St. Petersburg oder bei der gerade eröffneten Kunst-Triennale „Het Vlot“ in Oostende, die er kuratiert? Die Liste seiner Ausstellungen und Inszenierungen ließe sich noch endlos fortsetzen. Fabre ist nicht nur Zeichner und Bildhauer, sondern auch Autor, Dramatiker und Regisseur sowie Choreograph und Bühnenbildner von europäischem Rang. In Sachen Vielseitigkeit übertrifft er damit wohl sogar den anderen berühmten Antwerpener Künstler, Peter Paul Rubens. Würde man auf einer Visitenkarte alle Funktionen Jan Fabres aufzählen, der Platz würde nicht reichen. Ihr kennt den Allroundkünstler aus Antwerpen noch nicht? Dann wollen wir ihn euch hier kurz vorstellen. Weiterlesen …