Antwerpen, Flandern, Kulinarik

Champagner der Arbeiterklasse – Die abenteuerliche Geschichte der Seef Brauerei in Antwerpen

Sechs Jahre lang hatte er für den Leibhaftigen gearbeitet. Johan van Dyck war Marketingdirektor bei Duvel-Bier. Er tat das so erfolgreich, dass ihn das Magazin Trends einmal zum PR-Manager des Jahres in Belgien kürte. Dann blätterte van Dyck, heute 42, zufällig in einem Buch.

Das Buch behandelte die vergessenen Brauereien in van Dycks Heimatstadt Antwerpen, weit mehr als hundert gab es bis Ende des 19. Jahrhunderts. Die meisten brauten Seefbier, las er, den „Champagner der Arbeiterklasse“, wie man sagte. Seefbier? Niemand wusste mehr etwas davon. Rezepte? Verschollen. Nur der Name Seefhook, also Seefviertel, gleich nördlich der historischen City war geblieben. Da standen die Sudkessel.

Johan van Dyck suchte. Er fand ein weiteres Buch mit alten Bierrezepten – was fehlte, war Seefbier. Drei Jahre lang forschte er in Archiven, besuchte alte Brauerfamilien und Seniorenheime. Erfolglos. Bis er auf einem Dachboden in einem alten Schuhkarton („Das war wie ein Einschlag aus heiterem Himmel“) den großen Treffer landete. Irgendwer hatte ein Seef-Rezept handschriftlich notiert – Buchweizen muss hinein, eine besondere regionale Hopfensorte, vor allem sehr spezielle alte Hefen.

© Johan v. Dyck via P. Eichhorn

Van Dyck war elektrisiert. Er kontaktete die führenden Brauereiwissenschaftler an der Uni Löwen, und tatsächlich: Man wurde in alten Hefebanken fündig. 2011 erste Brauversuche. Mit hinreißenden Ergebnissen. Begeistert eröffnete van Dyck seinem Arbeitgeber, er wolle fortan nebenher hobbybrauen. Weniger elektrisiert meinten die Teufelsmanager: „Das kannst du noch mit 65 machen.“ Johan van Dyck kündigte den Job.

Spätestens mit diesem Tag begann die verblüffende Erfolgsgeschichte der heutigen Antwerpse Brouw Compagnie. 2012 öffentliche Erstverkostung im Antwerpener Rathaus. Der Bürgermeister feierte das Bier als „kulturelles Erbe“ der alten Stadt. Nach wenigen Tagen war alles weggetrunken. Neider glaubten schon an „künstliche Verknappung“, ein Marketingtrick. Nichts da, sagte van Dyck. „Die Leute waren einfach verrückt danach“, sagt heute Johans Ehefrau Karen Follens, 41.

Die Fremdproduktion (bei der alten Roman-Brauerei in Oudenaarde) lief an, weil eigene Großbraukessel fehlten. „Ein Gottesgeschenk“, sagt van Dyck, „dass die dort genau die Installationsanlagen hatten, um das über hundert Jahre alte Bier herzustellen und wir sie nutzten durften“. Schnell wurde Seefbier international bestaunt und testgetrunken. Sieben Mal nahm man an Wettbewerben teil, schlechtestes Ranking: Platz 1. Also immer die Goldmedaille – auch beim World Bier Award in San Diego, „obwohl wir selbst gar nicht vor Ort waren“, sagt Follens.

Letzter Schritt: Die eigene Brauerei. Große Firmen als Teilhaber kamen nicht infrage, dafür kennt van Dyck das Braubusiness zu gut. So etwas fange gut an, aber dann werde von Kostendruck gesprochen, Rezepturen verbilligt. „Die downsizen schnell, verkaufen dich womöglich. Da kann man nur verlieren.“ Also kramte man „alle Sparcents“ zusammen, legte ein Crowdfunding für tausend Leute auf (lebenslange Bierbelieferung gegen Teilhaberschaft von 150-1000 Euro) und pachtete im Antwerpener Hafengebiet, nicht weit vom MAS (Museum Aan Stroom), eine Pumpstation aus dem 19. Jahrhundert.

Der unscheinbare Backsteinbau wurde ausgebaut zu einem schickem Braucafé und Nachbarschaftstreff, davor ein Biergarten. Seit August 2017 entsteht das neue Seefbier in einer silbern blitzenden eigenen Brauanlage (Kapazität: 30.000 Hektoliter/Jahr) direkt vor den Augen der Gäste. Viele Crowdfunder kommen immer mal wieder auf ein Bier vorbei. „Die glauben an uns. Das ist wie eine große Familie“, sagt Karen Follens.

Man merkt der Brauerei die PR-Kunst ihres Inhabers an. Braukompagnie – welch frischer alter Begriff. Es gibt ein ausgeklügeltes und ansprechendes Corporate Design in der Werbung, auf den Flaschen. Der Pater auf dem Etikett trägt Sneakers.

Mittlerweile haben Bierhistoriker auch geklärt, warum das alte Seefbier ausstarb. Pils war plötzlich angesagt, einfacher herzustellen und besser zu lagern durch neuartige Pasteurisierung. Es konnte industrialisiert in größeren Mengen hergestellt werden und überschwemmte auch Flandern mit konkurrenzlosen Preisen. Ein Fall von früher Globalisierung: Masse statt handwerklicher Feinarbeit.

Ob das heutige Seef-Bier genau so schmeckt wie früher? Kann niemand mehr sagen. Wahrscheinlich aber sogar besser: Heute, sagt das Brauerpaar, habe man „ganz andere Möglichkeiten mit mikrobiologischen Methoden“. Und dieses neue Seef schmeckt erfrischend, eher wie ein Weizen als ein Pils, mit auffallend vielen feinen Kohlensäure-Bubbles und leicht rauchigem Abgang. Noch eines bitte! Das andere, bootje genannt, ist noch frisch-fruchtiger, mit Anflügen von Koriander und Ingwer. Wow – das ist jetzt klassenübergreifender Champagner. Und Johan van Dyck zieht Zwischenbilanz: „Du tauschst einen gut bezahlten Prestigejob gegen das Lotteriespiel eines Start-ups. Aber wenn man die Chance deines Lebens ergreifen kann, musst du dich auf so eine Achterbahnfahrt einlassen.“

Hier könnt ihr das Seef-Bier genießen: Indiestraat 21, Antwerpen

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