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Antwerpen, Flandern, Kulinarik, Kultur, Neu auf dem Flandern-Blog

Die Chocolate Nation – Wie süß! Ein Museum zum Dahinschmelzen

Kennt ihr den Film „Charly und die Schokoladenfabrik“? Ich war neulich in Antwerpen in einem neuen Museum, da musste ich unweigerlich an diesen Film denken. Nicht nur, weil sich hier alles um Schokolade dreht, sondern weil hier auch so herrlich verspielt-mechanisch gezeigt wird, wie Schokolade hergestellt wird. Schokoladenmuseen gibt es in Belgien ja schon ein paar. Aber die „Chocolate Nation“, die jetzt in Antwerpen eröffnet wurde, war selbst oder gerade für mich als Chocoholic ein besonderes Erlebnis. Und ich habe dabei sogar die Bekanntschaft mit Ruby gemacht – der Beginn einer sicher langen Freundschaft. Aber der Reihe nach:

Belgien ist ja bekanntlich Wiege und Herz der Schokoladenproduktion. Heute haben zwei der weltweit größten Schokoladenfabriken ihren Sitz in Belgien; Antwerpen ist einer der größten Importhäfen der Welt für Kakaobohnen. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass man (auch und vor allem) in Antwerpen die Ergebnisse der Genussproduktion – ob maschinell oder handgemacht – an fast jeder Ecke probieren kann: Ihr findet hier Geschäfte von allen großen belgischen Schokoladenmarken und zahlreiche Chocolatiers bieten ihre von Hand gefertigten Genuss-Kreationen an.  

Das größte belgische Schokoladenmuseum der Welt

© Chocolate Nation

Mit der „Chocolate Nation“, dem nach eigenen Angaben „größten belgischen Schokoladenmuseum der Welt“ erhaltet ihr nun auch noch einen besonders sinnlichen Einblick in die belgische Schokoladentradition und -innovationen. Es ist eine Mischung aus Museum, Schatzkammer und – wie schon gesagt – Charlys Schokoladenfabrik. Und allein der Duft und die Kostproben ließen mich dahinschmelzen. Sehr anschaulich und zugleich cool und zeitgemäß präsentiert und inszeniert, erfahrt ihr, wo die Kakaobohnen herkommen und wie sie verarbeitet werden. Es werden Geschichten erzählt von berühmten Chocolatiers und Schokoladenmarken, so auch von Callebaut, dem großen belgischen Schokoladenhersteller, der seit 1911 das Handwerk betreibt. Meister-Chocolatier Patrick Aubrion, der bereits zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen erhielt, leitet hier die Schokoladenabteilung. In der Werkstatt wird – vor den Augen der Besucher – Schokolade hergestellt, die anschließend im Shop verkauft wird. Ihr könnt dem Chocolatier und seinen Kollegen auch bei zahlreichen Workshops bei der Arbeit über die Schulter schauen.


Ein Genuss auch für‘s Auge

Das absolute Highlight dieses Museums war für mich das liebevoll eingerichtete Café im Stil der 20er Jahre. Hier setzt man sich an kleine Tische, auf denen sich die Teller wie von Zauberhand mit einem wundervollen Dessert füllen – lasst euch überraschen und verzaubern! Ein weiterer Höhepunkt ist der Raum mit den Schokobrunnen. Eine Reizüberflutung im schönsten Sinne. Hier habe ich auch Ruby kennen- und lieben gelernt. Das ist die nach dunkler, weißer und Milchschokolade vierte Schokoladensorte, die Callebaut im vergangenen Jahr als Weltneuheut präsentiert hat. Man könnte sie auch rosa Schokolade nennen, denn sie hat diese einfach grandiose Farbe. Die stammt übrigens nicht von irgendwelchen künstlichen Farbstoffen oder Fruchtzusätzen, sondern von der gleichnamigen, pinken Kakaobohne, die der neuen Schokosorte auch den einzigartigen Fruchtgeschmack mit leicht sauren Noten gibt.
Mein Fazit: Ich bin schockverliebt – nicht nur in Ruby, sondern auch in die Chocolate Nation!

Ruby Corner
Brüssel, Flämische Meister, Flandern, Kultur, Neu auf dem Flandern-Blog

Farbfilm vergessen? Bruegel kann auch Schwarz-Weiß

Wer an Pieter Bruegel den Älteren denkt, hat meist seine farbenfrohen Gemälde vor Augen. Zwei Ausstellungen in Brüssel präsentieren in diesem Jahr eine ganz andere Facette: seine Zeichnungen und Druckgraphiken. Also: Bruegel in Schwarz-Weiß. Bruegel in klein und auf Papier. Klingt zunächst nicht so spannend. Ich muss ja zugeben, dass ich eine glühende Verehrerin von Bruegels großen, bunten Wimmelbildern bin. Ich war daher eher skeptisch. Würde es mir ebenso viel Spaß machen, Bruegels Welten auf zwei Farben reduziert zu sehen? Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Ja!

Ich habe den Praxis-Test gemacht und mir schon vor der offiziellen Eröffnung die Ausstellung „Druckkunst im Zeitalter von Bruegel“ im BOZAR in Brüssel anschauen können. Die zählt zu den großen Bruegel-Ausstellungen, die in den nächsten Monaten im Rahmen der Themenjahre „Flämische Meister 2018-2020“ zu sehen sind. Sie ist nicht nur zeitlich die erste, sie ist auch ein perfekter Einstieg ins Thema. Denn hier versteht man direkt, warum ein Maler wie Bruegel überhaupt in Schwarz-Weiß bzw. mit Druckgraphik arbeitete.

Einer der Gründe heißt schlicht: Marketing. Bruegel „eroberte“ die Welt damals nämlich nicht als Maler, sondern mit seinen gedruckten Zeichnungen. Dank der Erfindung des Drucks konnte sein Verleger und Drucker Hieronymus Cock die „Welten Bruegels“ vervielfältigen, sie relativ schnell und kostengünstig nach ganz Europa liefern und Bruegel so bekannt machen.

Flandern – das Silocon Valley des 16.Jahrhunderts

© Königliche Bibliothek Belgien

Die Erfindung der Druckmaschine damals war einfach revolutionär. Ein Effekt, den man heute mit dem von Facebook oder Instagram vergleichen kann. Flandern war damals DAS Zentrum dieser Revolution – also in etwa das Silicon Valley des 16. Jahrhunderts. Und so zeigt die Ausstellung auch diese spannenden Veränderungen der Zeit. Es entwickelten sich neue Geschäftsmodelle, Arbeiten italienischer Künstler konnten nun problemlos in anderen Ländern gezeigt werden, Trends gesetzt werden. Natürlich erfuhr ich in der Ausstellung auch einiges über die technischen Vorgänge des Drucks. Und nicht zuletzt sah ich faszinierende und teilweise wunderbar skurrile Arbeiten etwa von Albrecht Dürer, Jan Gossaert oder Maarten van Heemskerck.

Jan Gossaert, Caen en Abel © BOZAR

Nun freue ich mich umso mehr auf „Die Welt von Bruegel in Schwarz und Weiß“, wie die Ausstellung in der Königlichen Bibliothek Belgiens in Brüssel heißt, die ab Oktober dort zu sehen sein wird. Sie beeindruckt mich schon vorab durch die schieren Fakten: die Bibliothek zeigt ihren gesamten und einzigartigen Bestand an Bruegels Graphik.

Filigrane Schätze

Da Papier sehr empfindlich ist und die Arbeiten schon jahrhundertealt sind, können die Arbeiten nur sehr selten und wenn, auch nur für kurze Zeit präsentiert werden. Die Blätter müssen nach maximal vier Monaten wieder in den Tresor zurück und vor Licht geschützt werden. Im Falle von Bruegel weiß niemand, wann sie in diesem Umfang das nächste Mal hervorgeholt werden.  Besonders gespannt bin ich auf die Skizzen und Zeichnungen von Bruegel, die auch ausgestellt werden. Jahrhundertealte Papiere mit den Spuren der Zeit, auf denen er mit leichten, wunderschönen Strichen – entweder mit einer Feder oder einem Pinsel – die phantastischen Wesen, die wunderschönen Landschaften oder die beeindruckenden Kompositionen festgehalten hat. Die Zeichnung war für Bruegel oft ein Experimentierfeld. Hier konnte er Themen und Figuren für sich ausprobieren. Und manche davon nahm er schließlich – viel später – in seiner Malerei wieder auf.

Pieter Bruegel d.Ä., Die sieben Todsünden © BOZAR

In Schwarz-Weiß werden auf jeden Fall feine und besondere Einblicke in die Arbeit von Bruegel geboten. Diese bringen mir neben dem Faszinosum des „Exportschlagers“ Druckgraphik den Künstler wieder ein Stück näher.

Antwerpen, Flandern, Kulinarik, Neu auf dem Flandern-Blog

Diamanten: In der Stadt der Steinchen haben sogar Pralinen geschmacklich fast 18 Karat

Antwerp Central ist kein Bahnhofshalt sondern ein Haltebahnhof. Er hält einen mit magnetischen Kräften fest. Ich stehe in der Empfangshalle, hingerissen von so viel Pracht: Jugendstil über und über, aufwändig vor ein paar Jahren renoviert. Nur nackenfreundlich ist die Halle nicht, so viel gibt es oben unter der riesigen Kuppel zu entdecken. Bei weltweiten Rankings unter den Edelsteinen der Bahnhöfe landet Antwerpen verlässlich in den Top 10, mindestens.

Antwerp Central Bahmhof mit seiner beeindruckenden Halle

Unangefochten ganz oben im Ranking ist Antwerpen als Diamantenstadt. 84 Prozent aller Rohdiamanten weltweit werden hier gehandelt. Vom Bahnhof zu den Diamantenbörsen sind es nur ein paar Schritte. Ich erwarte Glitzer und Glamour. Aber rund um die Houveniersstraat könnte die Anmutung nicht gegenteiliger sein: schmucklose Nachkriegsbauten, teils zehnstöckig, alles zwischen grau und beige, Videokameras, Sicherheitspatrouillen, eine winzige Synagoge dazwischengequetscht.

Antwerpen – eine Stadt voller Highlights

In der City komme ich nicht vorwärts. Ständig Highlights. Rubens-Haus, das Muss. Die Rubens-Kirche mit ihrem bombastischen Altar, vom Meister selbst designt. Der senkrechte Schuhkarton mit Namen Museum aan Stroom oder MAS. Der Edel-Chocolatier Goosens mit seiner „atypischen Diamantenkollektion“ (15 Pralinées, 22 Euro), geschmacklich nah an 18 Karat. Ein Stück weiter der Juwelier, der den Mikroklunker von 0,02 Karat für 39 Euro als „Souvenir-Diamant“ feilbietet. Mit einem Döschen Pralinen als Zugabe.

Ein neues Museum rund um Diamanten

Im neuen DIVA, dem Diamanten-Museum, prallt man auf unzählige glitzernde Preziosen, die früher aus dem Orient, aus Japan oder Indien im Hafen ankamen, besonders in den „goldenen Jahren“ im 16. und 17. Jahrhundert: Gold- und Silberarbeiten mit Steinen aller Art, teils fein, teils monströs. Ich lausche einem Hörspiel, mühe mich im Quiz um Historie und Rekordmarken der Diamantenwelt und küre mein Lieblingsteil: Ein modern wirkendes Portraitdöschen von 1900 als Halskette, aus purem Gold mit einem Smaragd und zwei Diamanten. Verwirrend ist die häufige Bezeichnung Email an den Ausstellungsstücken. Haben die fortschrittlichen Antwerpener vor hunderten Jahren schon gemailt? Niederländisch Email heißt Emaille.

Eindrücke aus dem neuen Diamanten Museum in Antwerpen, © DIVA, Sven Coubergs

Diva bedeutet bestimmt abgekürzt Diamanten van Antwerpen, oder? Die Museumsführerin guckt mich erstaunt an. Gute Idee, sagt sie, aber eigentlich sollte der Name nur die Glamour-Assoziation zu Diven ausdrücken. Als Mann bin ich übrigens sehr allein hier, es schlendern weitmehrheitlich Frauen umher. Designt hat das Museum der Innenarchitekt Gert Voorjans, der davor Mick Jaggers Anwesen gestaltet hat. Auch ein anderer Promi ist indirekt vertreten: Ex-Tennisprofi Ivan Lendl. Beim „Diamond Meeting“ in Antwerpen war als PR-Gag für vier Siege in Serie ein diamantenbesetzter Tennisschläger aus sechs Kilogramm Gold ausgelobt – schafft eh keiner, dachte man. Lendls Quadruple gewann und er hat das mäßig schöne 80er-Jahre-Racket dann dem Museum gestiftet.

© Diamondland

Angefixt vom musealen Juwelismus sind die Gouden Straatjes nebenan ein idealer Ort, um das Portemonnaie zu meucheln. In diesen Goldenen Sträßchen haben sich 15 Goldschmiede und Schmuckdesigner in kleinen schmucken Ateliers niedergelassen. Manchen darf man bei der filigranen Arbeit zusehen. Die Schmuckstücke von Gerhild Kirchner und Nadine Wijnants haben mir am besten gefallen. Beide schaffen den gestalterischen Spagat: Voluminöse, fast wuchtige Ringe und Reifen, auf der Oberfläche filigran und fast zart gestaltet.

Geschmackssache, sicherlich. Verfeinern könnte ich mein ästhetisches Urteilsvermögen bei Designer Robb Zilla. Denn da kann man sogar Abendkurse belegen. Damit man nachher, wenn man das kleine samtausgelegte Kästchen bei Kerzenschein herüberschiebt, sagen kann: „Schatz, hab ich selbst gemacht für uns.“ Ein nettes Spiel für zwei in der Stadt der Steinchen ist übrigens der Wettbewerb: Wer entdeckt mehr Einheimische mit winzigen Diamantpiercings im Gesicht?

Am nördlichen Ende Antwerpens glitzert der größte Klunker. Hier hat die irakische Stararchitektin Zara Hadid auf das alte Hafen-Verwaltungsgebäude ein kühnes schräges Etwas gebaut. Es hat die Form eines Diamanten, der im Sonnenlicht blinkt und blitzt. 500 Menschen, lese ich, haben hier innerdiamantene Arbeitsplätze gefunden – Besichtigung leider nur für Gruppen und mit Voranmeldung.

Die Füße sind platt. Mit knapper Not wieder am Bahnhof, der aber ausgerechnet auf Züge keine magnetisierende Wirkung hat. 20 Minuten Verspätung. In Brussel Midi wird ein Sprint nötig zum Anschlusszug.

Brüssel, Flämische Meister, Flandern

Begegnungen mit Pieter Bruegel

Neulich bin ich schmunzelnd aus einer Kirche gekommen. Warum? Weil ich dort eigentlich auf der Suche nach dem Grab von Pieter Bruegel war, stattdessen aber auf eine Reihe ungewöhnlicher Figuren stieß.

Bilder: Kapellerkerk, © Bowling Visit Flanders

Da ragten plötzlich kleine Beinchen aus einem Taufbecken, als wäre gerade ein kleines Männchen zum Schwimmen reingesprungen. Links neben dem Altar entdeckte ich ein behelmtes Wesen, das an einer Säule emporklettert als wolle es sich mit dem steinernen Totenkopf über ihm anlegen. Als ich den Engel sah, der über dem Altarraum in der Luft schwebt, da kam mir die Eingebung. Der Engel hatte nämlich verblüffende Ähnlichkeit mit einer Figur aus meinem Lieblingsbild von Pieter Bruegel „Der Sturz der rebellierenden Engel“.

Ich hatte bei meinem Besuch in Brüssel den Spuren Bruegels folgen wollen und war dabei zwangsläufig in der Kapellekerk gelandet. Der große flämische Meister, der damals um die Ecke dieser Kirche im Marollenviertel wohnte, hat hier geheiratet und wurde auch hier begraben. Aber zurück zu den Figuren. Ich fand nicht nur weitere skurrile Figuren dieser Art in der ganzen Kirche (manchmal muss man schon ganz genau hingucken), sondern am Eingang der Kirche auch die Erklärung dazu: Ein passendes Heft für diese Schnitzeljagd, in dem alle Figuren aufgeführt werden, die es zu finden gilt. Sie stammen allesamt aus Bruegel-Bildern und sind somit Appetithäppchen auf das Bruegel-Jahr, das 2019 anlässlich des 450. Todestags des Malers gefeiert wird.

Den Hunger stillen kann man übrigens nicht erst Ende Februar 2019, wenn die ersten der großen Sonderausstellungen in und um Brüssel eröffnen. Schon jetzt gibt es viele permanente Angebote rund um Bruegel in der Stadt.

Ständig da ist zum Beispiel die Bronzeskulptur direkt vor der Kirche, die den Künstler in Malerpose zeigt und die immer gut für ein Selfie ist. Nur wenige Meter weiter, in der Rue Haute 132, findet ihr das eher unscheinbare Wohnhaus von Pieter Bruegel. Einige Fußminuten von der Kirche entfernt, oben auf dem Mont des Arts, wo einst die mächtigen Mäzene des Künstlers residierten, findet ihr heute zahlreiche Werke von Bruegel im Original.

Die Königlichen Museen der Schönen Künste von Brüssel (KMSKB) etwa besitzen die weltweit zweitgrößte Bruegel-Gemäldesammlung. Hier habe ich mich nach dem ungewöhnlichen Kirchenbesuch noch mal richtig in die Kunst vertieft. Und ich habe tatsächlich einige Figuren aus der Kirche wiedererkannt. Denn schließlich hängt hier im Bruegel-Saal das Originalbild mit den rebellierenden Engeln. Wie viele andere Bruegel-Bilder ist es ein wahres Wimmelbild, das unzählige Geschichten erzählt. Manch winziges (und oft witziges) Detail bliebe einem vielleicht ewig verborgen, wären da nicht die „Unseen Masterpieces“. Das ist eine virtuelle Ausstellung in den KMSKB mit neun Touchscreens, die die Meisterstücke zeigt, wie ihr sie noch nie gesehen habt. Zusammen mit Google wurden 12 Meisterwerke renommierter Museen in einer unfassbar hohen Auflösung – megapixel-genau – aufgenommen und nun so präsentiert, dass man sich so weit in die Bilder hineinzoomen kann, wie man will. In einer „Bruegel Box“ könnt ihr sogar selbst in die Bruegelschen Bilderwelten eintauchen. Denn hier werden die Bilder flächendeckend an die Wände eines eigenen Musemsraums projiziert und erläutert.

Brüssel-Bruegel-Box

Noch ganz beglückt von diesem intensiven Kunstgenuss und von der Tatsache, dass ich so viele meiner neuen Bekannten aus der Kapellekerk wieder getroffen hatte, verließ ich auch das Museum schmunzelnd. Ich hätte nie gedacht, dass alte Meister so viel Spaß machen können!

Flandern, Kultur, Mechelen

Farbenfroh und filigran. Ein Besuch in der Königlichen Manufaktur De Wit

Webstuhl, © Layla Aerts

Heute möchte ich euch an einen ganz besonderen Ort in Mechelen führen, in einen mittelalterlichen Backsteinbau mit Erkern und Türmchen – die Abtei Tongerlo aus dem 15. Jahrhundert, die im Inneren ein Geheimnis birgt. Folgt mir also über den idyllischen Innenhof mit Buchsbaumhecken, durch eine einfache Holztür und werft einen Blick auf einen wirklich einzigartigen Arbeitsplatz. In den deckenhohen Regalen, die eine ganze Wand füllen, eine riesige Auswahl an farbigen Garnen. Was von Weitem wie ein großes Gemälde aussieht, ist eigentlich nur das „Materiallager“ eines Handwerksbetriebs. Aber hier wird eben nicht irgendwas repariert, hier geht es um außergewöhnliche Kunstwerke.

Wir sind zu Gast in der Königlichen Manufaktur De Wit. Das fast 130 Jahre alte Unternehmen reinigt, konserviert und restauriert alte Wandteppiche. Es ist sogar der weltweit führende Gobelin-Restaurator für Museen und eine der führenden Werkstätten für Privatkunden (doch halt, von Gobelins – so habe ich gelernt – darf man eigentlich nur sprechen, wenn diese aus der gleichnamigen Manufaktur aus Paris stammen. Das ist wie mit dem Champagner…). Bei De Wit sind die Wände übrigens nicht nur mit dem „Rohstoff Garn“ geschmückt. Hier findet Ihr auch als fertige Werkstücke, wahre Prachtexemplare der Teppichkunst. Schließlich besitzt die Königliche Manufaktur De Wit eine der weltweit prestigeträchtigsten Privatkollektionen an erlesenen Wandteppichen. Mit dieser Art von Showroom können andere Handwerker sicher nicht mithalten: Hier wandelt mandurch die wunderschönen Räume der alten Abtei wie durch ein Museum.

© Layla Aerts

Jahrhundertelang waren Wandteppiche der wichtigste Exportschlager des Landes. Vor allem die Herzöge von Burgund hatten mit ihrem luxuriösen Lebensstil die Produktion von Spitze und Wandteppichen in Flandern befördert. Heute ist diese alteingesessene Tradition des Teppichknüpfens kaum noch zu finden. Aber hier in Mechelen entstehen an riesigen Webstühlen neue textile Kunstwerke, an ebensogigantischen Tischen sitzen fingerfertige Restauratoren und Restauratorinnen in weißen Kitteln und legen filigran Hand an, reparieren und ziehen die metergroßen Kunstwerke auf stabile Rahmen.

Ein Handwerk mit Tradition

Auch Yvan Maes De Wit hat hier die Fäden in der Hand. Er ist Direktor der Königlichen Manufaktur De Wit und setzt in der vierten Generation die Familientradition von Gobelinwebern (upps, da ist es mir schon wieder passiert, aber ihr wisst, was ich meine) und Restauratoren fort, die schon die bedeutendsten und filigransten Tapisserien der Welt behandelt haben. So wird hier etwa regelmäßig die wichtigste Teppichsammlung der Welt, die französische Sammlung Monuments Historique & Mobilier National restauriert. Daneben haben bereits die berühmtesten Teppichsammlungen, etwa aus dem Rijksmuseum Amsterdam, dem spanischen Patrimonio Nacional und dem Kunsthistorischen Museums in Wien, ihren Weg in die Mechelener Werkstatt gefunden. 2003 wurden auch Stücke aus dem Bayrischen Nationalmuseum in München, der bekanntesten deutschen Teppichsammlung, von De Wit gereinigt.

Nicht nur durch die einzigartige Infrastruktur, die alle Aspekte der Behandlung antiker Wandteppiche innerhalb desselben Labors konzentriert, hat sich De Wit international einen Namen gemacht. Die Manufaktur spielt auch eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung neuer Techniken bei der Konservierung. Es wurde sogar eigens eine Stiftung eingerichtet, die sich zurAufgabe gemacht hat, die traditionellen und erprobten Handwerkstechniken für die Nachwelt zu bewahren.

Die königliche Manufaktur De Wit besuchen

Ihr könnt im Rahmen von Führungen selbst Einblick in diese Schatzkammer nehmen. Und zu bestimmten Zeiten, wenn das Restaurationsteam nicht arbeitet, kann man auch das Atelier besichtigen oder den Webern bei Webdemonstrationen über die Schultern schauen. Einzelbesucher können ohne Anmeldung immer samstags von 10.30 bis 12 Uhr vorbeischauen (nicht im Juli, zwischen Weihnachten und Neujahr sowie an Feiertagen) und an einer Führung teilnehmen. Gruppenbesuche sind nachvorheriger Anmeldung donnerstags, freitags oder samstags zwischen 9.00 und 15.30 Uhr möglich.

© Jan Smets
© Jan Smets

Beim Rausgehen empfehle ich noch mal einen Blick in den malerischen Garten: Ist euch aufgefallen, dass hier nur Blumen und Stauden angepflanzt wurden, die auch auf historischen Teppichen abgebildet sind? Diese Manufaktur ist eben ein Gesamtkunstwerk!

Flandern, Gent, Kulinarik

Gutes aus Gent: Wo der Himmel voller Schinken hängt

Für manche Menschen ist es das Größte, wenn der Himmel voller Geigen hängt. In meinen Augen (und in meiner Nase) ist es ein ebenso himmlisches Glück, wenn Schinken diesen Platz einnehmen. Das habe ich bei meinem letzten Besuch in Gent gemerkt, als ich das erste Mal im Vleeshuis war. Die alte Fleischhalle, ein eindrucksvolles Gebäude mitten im Zentrum der Stadt (Groentenmarkt 7), stammt aus dem 15. Jahrhundert und war früher ein überdachter Marktplatz.

Im Mittelalter war es verboten, in einem privaten Laden Fleisch zu verkaufen. Daher wurden die Prüfung der Fleischqualität und der Verkauf von Fleisch zentral organisiert. Vieles hat sich seitdem geändert, aber noch heute wird in Gent der Ganda-Schinken nach jahrhundertealter Tradition handwerklich hergestellt. Einige Exemplare – man könnte auch sagen Prachtstücke – ­ werden zum Trocknen und späteren Verkauf im Vleeshuis aufgehängt. An einem prächtigen offenen Holzgebälk, ein wahrhaft himmlischer Anblick. Ich habe gehört, dass selbst eingefleischte Vegetarier in der Veggie-Hochburg Gent davon beeindruckt waren. Schließlich sehen die Ganda-Schinken eh aus wie gemalt.

Großer Genuss auf engem Raum

Es sind aber nicht nur die Schinken, die Feinschmecker in die Alte Fleischhalle nach Gent locken. Ostflandern ist schließlich mit einer Vielzahl weiterer regionaler Produkte gesegnet, die von der EU unter Schutz gestellt sind. 175 solche traditionellen Spezialitäten findet ihr nun hier – alle unter einem Dach. Denn die große Fleischerhalle beherbergt heute das „Zentrum für ostflämische Regionalprodukte“ und bietet so flämische Genusskultur auf engstem Raum. Ihr könnt die regionalen Spezialitäten wie den malerischen Schinken nicht nur bestaunen, sondern auch kosten und kaufen. Ein beliebtes Mitbringsel aus Gent, das ihr hier ebenfalls bekommt, ist der Tierenteyn-Senf. Dieser wird seit 1818 im Familienbetrieb hergestellt und gehört mittlerweile zu Gent „wie die Currywurst zu Berlin“ ­– so erfuhr ich kürzlich in einem Reiseführer. Eine besondere Spezialität ist auch der ostflämische Bierkäse. An Bier kommt man in Belgien ja sowieso nicht vorbei, also warum nicht mal in dieser Form auf Brot genießen? Es ist daher auch kein großes Wunder, dass ihr hier eine Reihe ostflämischer Regionalbiere findet. Und dann wäre da noch der Korn O’de Flander, der mit einem Alkoholgehalt von mindestens 35 Prozent gebrannte Genever, den ihr in der Fleischhalle gleich von verschiedenen Herstellern bekommt.

Schneebälle und andere Leckereien

Wer es gern süß mag, der ist in der Alten Fleischhalle ebenfalls genau richtig: Hier gibt es die berühmten Genter Schneebälle, eine köstliche Süßigkeit mit einer Füllung aus Vanille, mit Zartbitterschokolade überzogen und in Puderzucker gewendet. Und natürlich Cuberdons! Das sind kleine, meist mit Himbeergelee gefüllte kegelförmige Süßwaren, die aussehen wie eine Nase und außerhalb von Belgien kaum erhältlich sind.  Wer sich nicht entscheiden kann, kann sich übrigens auch einen Geschenkkorb mit diversen Leckerbissen zusammenstellen.

Mein Tipp: Ihr könnt alles im dazugehörigen Restaurant gleich vor Ort kosten und dabei die Vielfalt der regionalen Köstlichkeiten probieren. Ich bin mit einem „Ostflämischen Frühstück“ sehr genussvoll und glücklich in den Tag gestartet. Denn schließlich hatte ich dabei auch ein Stück Himmel auf dem Teller.

Brügge, Flandern, Kultur

Zeitreise zu einem Weltreisenden – Besuch der Adornes-Domäne in Brügge

Im Innenhof der Adornes-Domäne, einem mittelalterlichen Landgut in der Altstadt von Brügge, ist es ganz still. Auf der einen Seite ragt der Turm der Jerusalemkapelle weit in die Höhe, auf der anderen zieht sich das langgestreckte Herrenhaus entlang. Die Sonne zeichnet helle Streifen zwischen die Mauern des Gebäude-Ensembles, das weitgehend aus dem 15. Jahrhundert erhalten ist. Hinter einem Torbogen reihen sich kleine weißgetünchte Häuser mit blauen Türen und Fensterrahmen aneinander, dahinter liegt ein kleiner Garten. Im Frühling blüht hier weißer Rhododendron und Flieder sorgt für violette Farbtupfer.

 

Im Innenhof der Adornes-Domäne – ein beeindruckendes Gebäude-Ensemble aus dem 15. Jahrhundert. Foto: Meike Nordmeyer

Ich laufe langsam durch den Innenhof der Domäne und höre nur meine eigenen Schritte. Die Zeit scheint hier still zu stehen. Es könnte auch gleich der einstige Hausherr, Anselm Adornes, aus einer der Türen treten. Er lebte hier mit seiner Familie im Brügge des 15. Jahrhundert. Doch sehr oft war er auf diesem Landgut wahrscheinlich nicht anzutreffen. Denn er war jemand, der viel reiste und sicherlich immer wieder neue Pläne für weitere Touren schmiedete, da er als Diplomat und Geschäftsmann ein weites Netzwerk pflegte. Seine Reisen führten von Brügge aus häufig nach Schottland, wo er den schottischen König Jakob III. traf, oder nach Polen, nach Rom und Neapel.

Gemeinsam mit seinem Sohn Jan unternahm Anselm eine Pilgerreise nach Jerusalem. Jan machte während der gesamten Tour ausführliche Aufzeichnungen, von denen heute noch zwei Manuskripte erhalten sind. Ihre Reise nutzten die beiden, um auf dem Rückweg auch den Libanon, Syrien, Zypern, Rhodos und Brindisi zu besuchen. In heutigen Zeiten würde der Sohn über die Erlebnisse in der weiten Welt sicherlich bloggen, so sinniere ich, als ich aus der kleinen, aber sehr informativen Ausstellung komme, die hier über die Familie Adornes und besonders über Anselm, sein Wirken und seine Zeit informiert. Die Schau ist in den kleinen weißen Häusern untergebracht, den sogenannten Gotteshäusern, die einst zur Versorgung von armen, kranken und älteren Menschen und insbesondere für notleidende Witwen errichtet wurden.

Auf der linken Seite reihen sich die sogenannten Gotteshäuser aneinander. Diese und wohl noch einige mehr wurden einst aus Wohltätigkeit gebaut, um darin arme, kranke und ältere Menschen zu beherbergen und zu versorgen. Heute ist darin das Adornes-Museum untergebracht. Foto: Meike Nordmeyer

Die Familie

Die Familie Adornes stammt ursprünglich aus Genua, so habe ich in der Ausstellung erfahren. Opicius Adornes hatte sich im 13. Jahrhundert dem Gefolge des Grafen von Flandern angeschlossen. So kam er nach Brügge und gründete dort eine Familie. Schon bald gehörte diese der Aristokratie von Brügge an und spielte eine wichtige Rolle im Verwaltungs- und Wirtschaftsleben der Stadt. Der bekannteste Spross ist Anselm, der dann im fünfzehnten Jahrhundert zum einflussreichen Geschäftsmann, Diplomat und Ritter wird. In demselben Jahrhundert begann die Familie, ihre Domäne in Brügge zu errichten. Die Verehrung von Jerusalem prägte die Familie, das zeigte sich schon beim Vater von Anselm. So entstand der Plan, auf dem Landgut eine Jerusalemkapelle in Anlehnung an die Grabeskirche in Jerusalem zu bauen. Diese ist 1429 eingeweiht worden. Weiterlesen …

Flämische Meister, Flandern, Kultur, Leuven, Neu auf dem Flandern-Blog

Adel verpflichtet – Leuven präsentiert die Arenbergs!

Kennt ihr eigentlich Leuven, das malerische Universitätsstädtchen in Flandern? Vielleicht habt ihr ja schon mal vor dem wohl schönsten gotischen Rathaus der Welt gestanden, oder ihr habt im Leuvener Kruidtuin, dem ältesten botanischen Garten Belgiens, die Pflanzenvielfalt bestaunt? Aber wusstet ihr auch, dass Leuven seine eigenen „Royals“ hat? In den nächsten Monaten macht die Stadt mit zwei großen Ausstellungen und einem Rahmenprogramm eine ihrer bedeutendsten Familien wieder lebendig: die Arenbergs. Eine Adelsdynastie, die in den vergangenen Jahrhunderten unverkennbar Leuven, Belgien und Europa geprägt hat.

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Flandern, Kultur, Küste

Ostende – wo ein Kristallschiff die Streetart bringt

Direkt am Bahnhof geht’s los – wer in Ostende mit dem Zug ankommt, braucht nur einmal seitlich aus dem Bahnhof hinaustreten und kann ein großes Stück Streetart bewundern. Auf einer Hauswand findet sich eine riesige Arbeit, die der Künstler Eversiempre in leuchtenden Farben geschaffen hat. Diese zeigt einen Einwohner von Ostende, einen dunkelhäutigen Mann, der aus Afrika stammt. Mit seiner Arbeit will Eversiempre an die Zeit erinnern, in der Belgien als Kolonialmacht im Kongo herrschte und die Einheimischen dort Unterdrückung und Ausbeutung erlitten haben. Doch das Bild vermittelt auch eine hoffnungsvolle Stimmung und erzählt von einem bunten, vielfältigen Ostende in heutiger Zeit.

Das eindrucksvolle Mural ist im Rahmen des Streetart-Festivals „Crystal Ship“ entstanden, das der Initiator Bjørn Van Poucke nach einem Song der Rockband The Doors benannt hat. Im April dieses Jahres fand das Festival bereits zum dritten Mal in Folge in Ostende statt. Bis zu 20 Werke, vielfach so großformatige Wandbilder wie die von Eversiempre, sind dabei Jahr für Jahr entstanden. Internationale Künstler, darunter viele in der Szene sehr bekannte Namen, sind dazu in die flämische Küstenstadt gekommen, wie beispielweise Roa, Pixel Pancho, Guido van Helten oder Bué The Warrior. So ist dort eine reichhaltige Streetart-Galerie im Zeichen des Kristallschiffs entstanden, die zur Entdeckungsreise einlädt. Eine Tour ist im Zentrum, also um den Bahnhof, am Hafen sowie in und im Umfeld der Fußgängerzone gut zu Fuß machbar. Für die Werke, die etwas weiter abseits liegen,  empfiehlt es sich, ein Fahrrad zu nehmen.

Die Müllmänner von Jaune sind an diversen Straßenecken zu entdecken und für manche Überraschung gut. Foto: Meike Nordmeyer

Ich bin zu Fuß auf der Route unterwegs und starte an der Touristen Information an der Monacoplein, nahe der Strandpromenade. Im Touristenbüro ist ein Stadtplan zu „Crystal Ship“ erhältlich, in dem die Werke eingezeichnet und kurz erläutert sind. Viel Spaß machen mir auf meiner Tour nicht nur die großformatigen Werke, sondern auch die vielen kleinen Entdeckungen, die an Stromkästen, Häuserecken oder Mauervorsprüngen zu machen sind. Dafür gilt es genau hinzusehen und da ist es natürlich gut, zu Fuß unterwegs zu sein. Immer wieder begegnen mir kleine Figuren, Straßenreiniger in gelber und orangefarbener Arbeitskleidung. Diese kehren jedoch nicht die Straße und sorgen für Ordnung, sondern veranstalten völlig andere Dinge. Einer hangelt an einer Brüstung, ein anderer springt von einem Balkon in einen Berg von Müllsäcken, wieder einer dreht eine Zigarette oder einige kämpfen wie in einem Actionfilm mit einer übergroßen Farbsprühdose. Besonders schön ist die Gruppe, die sich zu einer Kundgebung zusammengetan hat unter dem Motto „We have nothing to say but we will say it loud!“, wie auf dem Foto oben zu sehen ist. Der Streetart-Künstler Jaune, der einst selbst als Müllmann gejobbt hat, platzierte die kleinen, humorvollen Figuren und Szenerien in der Stadt. Dazu sind viele weitere gewitzte Arbeiten in den Straßen zu entdecken, wie zum Beispiel der bemalte Blumenkübel von Oak Oak.

Der zornige Blumenkübel stammt von dem Künstler Oak Oak. Foto: Meike Nordmeyer

Ein Highlight ist es für mich immer, wenn ich ein Werk von dem aus Gent stammenden, mit seinen Werken international vertretenen Streetart-Künstler Roa entdecke. Und auch damit kann Ostende aufwarten. Nahe an der Fußgängerzone, an einer als Parkplatz genutzten Baulücke findet sich ein großformatiges Werk von Roa auf einer alten Hauswand. In seinem unverkennbaren Stil hat der Künstler hier in Schwarz- und Grautönen die Körper von Tieren detailgetreu gezeichnet. Hase, Eichhörnchen, Igel, Maulwurf und Maus – die in der Stadt und in Parks hausenden Nagetiere liegen aufeinandergestapelt. Fast könnte man bei dieser Tierpyramide an die Bremer Stadtmusikanten denken. Doch diese Tiere sind alles andere als unternehmungslustig. Sie haben die Augen geschlossen, sie schlafen ermattet oder sind vielleicht längst tot. Etwas Beklemmendes haben die Tierbilder von Roa immer an sich.

Unverkennbar ist dies ein großes Wandbild des aus Gent stammenden Künstlers Roa, das sich an einer Baulücke nahe der Fußgängerzone von Ostende findet. Foto: Meike Nordmeyer

Nicht weit entfernt von Roas Werk findet sich mitten in der Fußgängerzone eine feine Arbeit von Pixel Pancho. Sie zeigt ein braves Paar, einfache Leute aus vergangenen Zeiten, idyllisch von einem Blumenkranz eingerahmt. Doch auf deren Wangen besteht ein Durchblick ins Innere, in dem sich offenbar hölzerne Zahnräder befinden. Es ist typisch für den Künstler, dass er sogenannte Steampunks kreiert. Das sind menschenähnliche Maschinenwesen. In diesen Fall ist bei dem altertümlichen Paar mit den Zahnrädern offenbar eine sehr alte Technik im Einsatz.

Auch Pixel Pancho ist mit einer großformatigen Arbeit in Ostende vertreten. Foto: Meike Nordmeyer

In der Nähe des Hafens, beim Fischmarkt, fällt ein großflächiges Mural von Gaia ins Auge, das in diesem Frühjahr dort entstanden ist. Es zeigt eine übergroße Rettungsweste, aus der Blumen hervorragen – ein Bezug auf die von der Seefahrt geprägte Küstenstadt, in der die Menschen die Gefahr des Meeres und seiner Stürme nur zu gut kennen. Und sicherlich auch ein Verweis auf die vielen Menschen anderswo, die in diesen schwierigen Zeiten zu Flüchtlingen werden und in ihrer Verzweiflung den gefährlichen Weg in Schlauchbooten über das Meer antreten.

Ein wirkungsvolles Mural von Gaia ist nahe am Fischmarkt von Ostende entstanden. Foto: Meike Nordmeyer

Schon an diesen wenigen Beispielen wird deutlich, was für eine facettenreiche und spannende Streetart-Galerie in Ostende entstanden ist. Bei einer Tour zu Fuß habe ich viel entdeckt, und doch nur einen Bruchteil davon zu sehen bekommen. Ich muss unbedingt nochmal wiederkommen und dann mit dem Fahrrad losziehen, denn damit lassen sich auch die weiter außerhalb befindlichen Werke schnell erreichen. Und nach der Fahrradtour dann herrlich am Strand entspannen – das ist eine tolle Kombi, die sich in der Küstenstadt bietet. Für das Jahr 2020 ist eine weitere Ausgabe des Festivals Crystal Ship geplant, dann wird die Galerie in Ostende also noch weiter wachsen. Es bleibt spannend, was das Kristallschiff beim nächsten Mal in die Stadt bringt-

Weitere Infos

Jeden Sonntagvormittag finden Führungen zur Streetart in Ostende statt. Anmeldung und Treffpunkt ist an der Touristen Information an der Monacoplein 2. Die Führungen sind auf flämisch, mit Anmeldung können auch englischsprachige gebucht werden.

Wer die Streetart in der Stadt mit dem Fahrrad erkunden will, der kann über die Touristen Information ein Gefährt mieten und der Fahrradroute in dem Crystal-Ship-Plan folgen.

Weitere Infos zum Festival gibt es hier.

Flandern, Gent, Kultur

Design oder nicht sein

Immer wenn ich in belgischen Restaurants, Hotels oder Geschäften bin, wenn ich in die Häuser und Gärten schaue, dann habe ich das Gefühl, dass die Menschen hier ein ganz besonderes Verhältnis zu Gestaltung haben: Design oder nicht sein, so scheint mir das Motto vieler Flamen. Und so wundert es auch nicht, dass es in Gent ein ganzes Museum voll mit den wirklich schönen Dingen des Alltags gibt, mit Stühlen, Lampen, Stoffen und Objekten – das Design Museum Gent. Das möchte ich euch heute vorstellen.

Zugegeben, an dieser Stelle hab ich schon häufiger gesagt, dass das ein oder andere Museum in Flandern zu meinen Favoriten zählt. Das Design Museum Gent ist aber – zumindest bis jetzt – mein absoluter Spitzenreiter. Nur ein paar Gehminuten weg vom Trubel am Korenmarkt, liegt es in einer ruhigen Straße, der Jan-Breydel-Straat. Es ist ein Mekka für Ästheten und – ich hatte jedenfalls bisher immer Glück – auch eine Oase der Ruhe, denn in dem großen Komplex verteilen sich die Besucher schnell.

Das Design Museum:

Das Gebäude an sich ist schon eine Attraktion: Den Kern bildet das ehemalige „Hotel de Coninck“, ein 1755 erbautes Herrenhaus. In den schönen im Rokoko und klassischen Stil ausgestatteten Innenräumen könnt ihr über die alten knarzenden Parkettböden wandeln und Wandgemälde, Ledertapeten, Kamine und Holztäfelungen bestaunen. Die alten Polstermöbel und der hölzerne Kronleuchter katapultieren euch zurück ins 17. und 18. Jahrhundert. Und gleich im ersten Raum gibt es ein Fest fürs Auge: In dem gediegenen Ambiente des Salons sticht ein Tisch aus lauter Büchern hervor, die Platte eine Collage aus leuchtend bunten Buchdeckeln unter einer Gasplatte, eine Kunstwerk von Richard Hutten.  Ein spannender Kontrast, der gleich zu Beginn des Rundgangs die immense Breite der Sammlung des Museum repräsentiert, die nicht nur in dem imposanten Altbau, sondern auch einem 1992 ergänzten luftigen Neubau gezeigt wird.

An dieser Stelle macht es Sinn, kurz in die Geschichte des Museum zurückzublicken: Das Museum wurde 1903 vom „Verband der industriellen und dekorativen Künste“, einer privaten Organisation von Industriellen und Künstlern, gegründet. Zunächst hatte es sich auf Möbelstücke aus dem 18. Jahrhundert in verschiedenen französischen Stilen, darunter Rokoko, Neoklassizismus und Empire-Stil sowie zeitgenössische Objekte aus der Zeit um die Weltausstellung in Gent (1913) und aus den frühen 1920er Jahren in Paris konzentriert. Später kamen wundervolle Stücke aus der Zeit der Art Nouveau und Art Deco sowie italienische Postmoderne mit Studio Alchimia und Memphis dazu. Nach und nach hielt aber auch zeitgenössisches Industriedesign und künstlerisches Design Einzug. Was dazu führte, dass das nun auch räumlich erweiterte Museum 1995 in „Museum für Dekorative Kunst und Design“ und 2001 schließlich in Design Museum Gent umbenannt wurde.

Heute ist die Sammlung auf über 22.500 Objekte angewachsen. Sie umfasst angewandte Kunst und Design von 1450 bis heute und sie ist sowohl regional, national als auch international sehr vielseitig. Nirgendwo sonst in Belgien findet ihr solch ein zusammenhängendes Bild vom führenden Design seit dem Jugendstil.  Im Fokus steht dabei vor allem die Gestaltung von Innenräumen, von der Privatwohnung bis zum Büro – also von Möbeln über Keramik und Glas bis zu Textilien. Außerdem zeigt das Museum einige Klassiker des nationalen und internationalen Designs, die den jeweiligen Zeitgeist wundervoll widergeben.

Design Museum, © Joost Joossen

Ich empfehle Euch auf jeden Fall: bringt Euch viel Zeit mit. Es gibt so viel zu entdecken, und vor allem wiederzuentdecken, denn das ein oder andere schön gestaltete Stück habt ihr vielleicht selbst schon mal in den Händen  gehalten oder vielleicht schon selbst „besessen“, wie den Kultstuhl 03 von Maarten Van Severen oder den Elefanten-Hocker von Charles und Ray Eames.

Derzeit ist übrigens eine erneute Erweiterung geplant: In einem neuen Museumsflügel soll Platz für Sonderausstellungen, Workshops und Museumsgastronomie geschaffen werden. Spätestens dann werde ich wieder in mein Lieblingsmuseum fahren.

© Bas Bogaerts, Vist Gent