Flandern

Brügge, Flandern, Kultur

Zeitreise zu einem Weltreisenden – Besuch der Adornes-Domäne in Brügge

Im Innenhof der Adornes-Domäne, einem mittelalterlichen Landgut in der Altstadt von Brügge, ist es ganz still. Auf der einen Seite ragt der Turm der Jerusalemkapelle weit in die Höhe, auf der anderen zieht sich das langgestreckte Herrenhaus entlang. Die Sonne zeichnet helle Streifen zwischen die Mauern des Gebäude-Ensembles, das weitgehend aus dem 15. Jahrhundert erhalten ist. Hinter einem Torbogen reihen sich kleine weißgetünchte Häuser mit blauen Türen und Fensterrahmen aneinander, dahinter liegt ein kleiner Garten. Im Frühling blüht hier weißer Rhododendron und Flieder sorgt für violette Farbtupfer.

 

Im Innenhof der Adornes-Domäne – ein beeindruckendes Gebäude-Ensemble aus dem 15. Jahrhundert. Foto: Meike Nordmeyer

Ich laufe langsam durch den Innenhof der Domäne und höre nur meine eigenen Schritte. Die Zeit scheint hier still zu stehen. Es könnte auch gleich der einstige Hausherr, Anselm Adornes, aus einer der Türen treten. Er lebte hier mit seiner Familie im Brügge des 15. Jahrhundert. Doch sehr oft war er auf diesem Landgut wahrscheinlich nicht anzutreffen. Denn er war jemand, der viel reiste und sicherlich immer wieder neue Pläne für weitere Touren schmiedete, da er als Diplomat und Geschäftsmann ein weites Netzwerk pflegte. Seine Reisen führten von Brügge aus häufig nach Schottland, wo er den schottischen König Jakob III. traf, oder nach Polen, nach Rom und Neapel.

Gemeinsam mit seinem Sohn Jan unternahm Anselm eine Pilgerreise nach Jerusalem. Jan machte während der gesamten Tour ausführliche Aufzeichnungen, von denen heute noch zwei Manuskripte erhalten sind. Ihre Reise nutzten die beiden, um auf dem Rückweg auch den Libanon, Syrien, Zypern, Rhodos und Brindisi zu besuchen. In heutigen Zeiten würde der Sohn über die Erlebnisse in der weiten Welt sicherlich bloggen, so sinniere ich, als ich aus der kleinen, aber sehr informativen Ausstellung komme, die hier über die Familie Adornes und besonders über Anselm, sein Wirken und seine Zeit informiert. Die Schau ist in den kleinen weißen Häusern untergebracht, den sogenannten Gotteshäusern, die einst zur Versorgung von armen, kranken und älteren Menschen und insbesondere für notleidende Witwen errichtet wurden.

Auf der linken Seite reihen sich die sogenannten Gotteshäuser aneinander. Diese und wohl noch einige mehr wurden einst aus Wohltätigkeit gebaut, um darin arme, kranke und ältere Menschen zu beherbergen und zu versorgen. Heute ist darin das Adornes-Museum untergebracht. Foto: Meike Nordmeyer

Die Familie

Die Familie Adornes stammt ursprünglich aus Genua, so habe ich in der Ausstellung erfahren. Opicius Adornes hatte sich im 13. Jahrhundert dem Gefolge des Grafen von Flandern angeschlossen. So kam er nach Brügge und gründete dort eine Familie. Schon bald gehörte diese der Aristokratie von Brügge an und spielte eine wichtige Rolle im Verwaltungs- und Wirtschaftsleben der Stadt. Der bekannteste Spross ist Anselm, der dann im fünfzehnten Jahrhundert zum einflussreichen Geschäftsmann, Diplomat und Ritter wird. In demselben Jahrhundert begann die Familie, ihre Domäne in Brügge zu errichten. Die Verehrung von Jerusalem prägte die Familie, das zeigte sich schon beim Vater von Anselm. So entstand der Plan, auf dem Landgut eine Jerusalemkapelle in Anlehnung an die Grabeskirche in Jerusalem zu bauen. Diese ist 1429 eingeweiht worden. Weiterlesen …

Flandern, Kultur

Chambre Privée – Im Wohnzimmer mit den Flämischen Meistern

Ward ihr schon mal bei einem Kunstsammler zuhause? Könnt Ihr euch vorstellen, wie jemand, der kostbare Bilder etwa von den Flämischen Meistern besitzt, diese in den eigenen vier Wänden anordnet? Hängt ein Brueghel über dem Sofa? Und gleich neben dem Fernsehsessel ein Brouwer? Sieht ein passionierter Kunstsammler überhaupt fern? Da möchte man doch gerne mal einen Blick durchs Schlüsselloch werfen.

Private Einblicke

Chambre Privée, © Peter Hinschläger

Ein 91-jähriger Kunstsammler erlaubt jetzt einen solchen, seltenen Blick in seine Privaträume. Das bedeutet nicht, dass er die kunstinteressierte Öffentlichkeit in Scharen durch sein stilvoll eingerichtetes heimisches Wohnzimmer laufen lässt – schließlich möchte der alte Herr auch gern anonym bleiben. Nein, seine kunstvoll bestückten Räume kommen ins Museum: als Pop-up-Wohnzimmer mit Originalbildern und mit Fotowänden, auf denen Ambiente und Atmosphäre des Sammler-Zuhauses eingefangen sind. Die Idee, Einblicke in die Wohnzimmer von Privatsammlern zu geben, hatte Sarvenaz Ayooghi, Gemäldekuratorin am Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen. Und sie entwickelte daraus das ungewöhnliche Ausstellungsformat „Chambre Privée“, das am 8. November mit der Schau der Flämischen Meister im Kaminraum des Museums startet. Drei Monate lang, bis zum 3. Februar 2019, sind dann die privaten Räume des Sammlers, der auf flämische und holländische Malerei spezialisiert ist, für Besucher „begehbar“.

Ihr seht opulente Blumenbouquets und Silberpokale, im Vitrinenschrank Meissner-Figuren und barocke Buckelgläser, auf der reich verzierten Rokoko-Kommode eine kostbare Empire-Tischuhr. Alles ist sorgsam arrangiert und gerahmt von gerafften Vorhängen – als beträte man ein Stillleben. Und dann wird der Blick gefesselt von den Gemälden an den Wänden. Hier hängen 14 echte Meisterwerke des 17. und 18. Jahrhunderts, darunter die „Seeküste mit Scipionengrab“ von Jan Brueghel d.Ä. oder die wunderschöne Berglandschaft von Paul Bril, aber auch Bilder von Ambrosius Bosschaert über Frans Snyders bis Adriaen Brouwer. Weiterlesen …

Flämische Meister, Flandern, Kultur, Leuven, Neu auf dem Flandern-Blog

Adel verpflichtet – Leuven präsentiert die Arenbergs!

Kennt ihr eigentlich Leuven, das malerische Universitätsstädtchen in Flandern? Vielleicht habt ihr ja schon mal vor dem wohl schönsten gotischen Rathaus der Welt gestanden, oder ihr habt im Leuvener Kruidtuin, dem ältesten botanischen Garten Belgiens, die Pflanzenvielfalt bestaunt? Aber wusstet ihr auch, dass Leuven seine eigenen „Royals“ hat? In den nächsten Monaten macht die Stadt mit zwei großen Ausstellungen und einem Rahmenprogramm eine ihrer bedeutendsten Familien wieder lebendig: die Arenbergs. Eine Adelsdynastie, die in den vergangenen Jahrhunderten unverkennbar Leuven, Belgien und Europa geprägt hat.

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Flämische Meister, Flandern

Wie Jan van Eyck die Malerei revolutionierte

Falten, Bartstoppeln, Tränensäcke oder schiefe Nasen – ist euch schon mal aufgefallen, dass man sowas früher auf Gemälden nicht gefunden hat? Im Gegenteil, da wurde kräftig idealisiert und geschönt. Das änderte sich erst im Spätmittelalter mit Jan van Eyck (um 1390 bis 1441), einem der bedeutendsten Flämischen Meister und Wegbereiter der „Flämischen Primitiven“. Der Begriff, der aus dem 19. Jahrhundert stammt und für eine besondere Künstlergruppe und eine Malerei steht, wird heute kaum noch verwendet. Kein Wunder, verbindet man mit dem Wort „primitiv“ doch alles andere als das, was Künstler wie Jan van Eyck, Hans Memling, Hugo van der Goes und Gerard David damals geschaffen haben.

Schauen wir uns genauer an, was das revolutionär Neue war: Die „altniederländische Malerei“ wie es heute in der Kunstgeschichte heißt, steht nicht nur für fotografisch detaillierte Oberflächendarstellungen, für die schonungslos naturalistische Abbildung von echten Menschen mit all ihren Makeln. Sie steht auch für eine seit der Antike nicht mehr erreichte Naturbeobachtung und -treue sowie äußerst wirkungsvoll eingesetzte Lichteffekte und Farben. Zudem wurden die im Mittelalter üblichen Goldgründe durch realistische Landschaften als Bildhintergrund ersetzt. Es änderte sich aber nicht nur Maltechnik: Plötzlich hatten die Heiligen ihren Platz nicht mehr nur in den Gotteshäusern, sondern auch in den Wohnstuben der Bürger – wenn auch nur der Wohlhabenden. Diese ‘Verbürgerlichung’ und fotorealistische ‘Natürlichkeit’ weisen schon in die Neuzeit und sie begründen die europäische Malerei, wie wir sie heute noch kennen und bewundern. Eine ungemein wichtige Kunstepoche also. Weiterlesen …

Flandern, Kultur, Küste

Ostende – wo ein Kristallschiff die Streetart bringt

Direkt am Bahnhof geht’s los – wer in Ostende mit dem Zug ankommt, braucht nur einmal seitlich aus dem Bahnhof hinaustreten und kann ein großes Stück Streetart bewundern. Auf einer Hauswand findet sich eine riesige Arbeit, die der Künstler Eversiempre in leuchtenden Farben geschaffen hat. Diese zeigt einen Einwohner von Ostende, einen dunkelhäutigen Mann, der aus Afrika stammt. Mit seiner Arbeit will Eversiempre an die Zeit erinnern, in der Belgien als Kolonialmacht im Kongo herrschte und die Einheimischen dort Unterdrückung und Ausbeutung erlitten haben. Doch das Bild vermittelt auch eine hoffnungsvolle Stimmung und erzählt von einem bunten, vielfältigen Ostende in heutiger Zeit.

Das eindrucksvolle Mural ist im Rahmen des Streetart-Festivals „Crystal Ship“ entstanden, das der Initiator Bjørn Van Poucke nach einem Song der Rockband The Doors benannt hat. Im April dieses Jahres fand das Festival bereits zum dritten Mal in Folge in Ostende statt. Bis zu 20 Werke, vielfach so großformatige Wandbilder wie die von Eversiempre, sind dabei Jahr für Jahr entstanden. Internationale Künstler, darunter viele in der Szene sehr bekannte Namen, sind dazu in die flämische Küstenstadt gekommen, wie beispielweise Roa, Pixel Pancho, Guido van Helten oder Bué The Warrior. So ist dort eine reichhaltige Streetart-Galerie im Zeichen des Kristallschiffs entstanden, die zur Entdeckungsreise einlädt. Eine Tour ist im Zentrum, also um den Bahnhof, am Hafen sowie in und im Umfeld der Fußgängerzone gut zu Fuß machbar. Für die Werke, die etwas weiter abseits liegen,  empfiehlt es sich, ein Fahrrad zu nehmen.

Die Müllmänner von Jaune sind an diversen Straßenecken zu entdecken und für manche Überraschung gut. Foto: Meike Nordmeyer

Ich bin zu Fuß auf der Route unterwegs und starte an der Touristen Information an der Monacoplein, nahe der Strandpromenade. Im Touristenbüro ist ein Stadtplan zu „Crystal Ship“ erhältlich, in dem die Werke eingezeichnet und kurz erläutert sind. Viel Spaß machen mir auf meiner Tour nicht nur die großformatigen Werke, sondern auch die vielen kleinen Entdeckungen, die an Stromkästen, Häuserecken oder Mauervorsprüngen zu machen sind. Dafür gilt es genau hinzusehen und da ist es natürlich gut, zu Fuß unterwegs zu sein. Immer wieder begegnen mir kleine Figuren, Straßenreiniger in gelber und orangefarbener Arbeitskleidung. Diese kehren jedoch nicht die Straße und sorgen für Ordnung, sondern veranstalten völlig andere Dinge. Einer hangelt an einer Brüstung, ein anderer springt von einem Balkon in einen Berg von Müllsäcken, wieder einer dreht eine Zigarette oder einige kämpfen wie in einem Actionfilm mit einer übergroßen Farbsprühdose. Besonders schön ist die Gruppe, die sich zu einer Kundgebung zusammengetan hat unter dem Motto „We have nothing to say but we will say it loud!“, wie auf dem Foto oben zu sehen ist. Der Streetart-Künstler Jaune, der einst selbst als Müllmann gejobbt hat, platzierte die kleinen, humorvollen Figuren und Szenerien in der Stadt. Dazu sind viele weitere gewitzte Arbeiten in den Straßen zu entdecken, wie zum Beispiel der bemalte Blumenkübel von Oak Oak.

Der zornige Blumenkübel stammt von dem Künstler Oak Oak. Foto: Meike Nordmeyer

Ein Highlight ist es für mich immer, wenn ich ein Werk von dem aus Gent stammenden, mit seinen Werken international vertretenen Streetart-Künstler Roa entdecke. Und auch damit kann Ostende aufwarten. Nahe an der Fußgängerzone, an einer als Parkplatz genutzten Baulücke findet sich ein großformatiges Werk von Roa auf einer alten Hauswand. In seinem unverkennbaren Stil hat der Künstler hier in Schwarz- und Grautönen die Körper von Tieren detailgetreu gezeichnet. Hase, Eichhörnchen, Igel, Maulwurf und Maus – die in der Stadt und in Parks hausenden Nagetiere liegen aufeinandergestapelt. Fast könnte man bei dieser Tierpyramide an die Bremer Stadtmusikanten denken. Doch diese Tiere sind alles andere als unternehmungslustig. Sie haben die Augen geschlossen, sie schlafen ermattet oder sind vielleicht längst tot. Etwas Beklemmendes haben die Tierbilder von Roa immer an sich.

Unverkennbar ist dies ein großes Wandbild des aus Gent stammenden Künstlers Roa, das sich an einer Baulücke nahe der Fußgängerzone von Ostende findet. Foto: Meike Nordmeyer

Nicht weit entfernt von Roas Werk findet sich mitten in der Fußgängerzone eine feine Arbeit von Pixel Pancho. Sie zeigt ein braves Paar, einfache Leute aus vergangenen Zeiten, idyllisch von einem Blumenkranz eingerahmt. Doch auf deren Wangen besteht ein Durchblick ins Innere, in dem sich offenbar hölzerne Zahnräder befinden. Es ist typisch für den Künstler, dass er sogenannte Steampunks kreiert. Das sind menschenähnliche Maschinenwesen. In diesen Fall ist bei dem altertümlichen Paar mit den Zahnrädern offenbar eine sehr alte Technik im Einsatz.

Auch Pixel Pancho ist mit einer großformatigen Arbeit in Ostende vertreten. Foto: Meike Nordmeyer

In der Nähe des Hafens, beim Fischmarkt, fällt ein großflächiges Mural von Gaia ins Auge, das in diesem Frühjahr dort entstanden ist. Es zeigt eine übergroße Rettungsweste, aus der Blumen hervorragen – ein Bezug auf die von der Seefahrt geprägte Küstenstadt, in der die Menschen die Gefahr des Meeres und seiner Stürme nur zu gut kennen. Und sicherlich auch ein Verweis auf die vielen Menschen anderswo, die in diesen schwierigen Zeiten zu Flüchtlingen werden und in ihrer Verzweiflung den gefährlichen Weg in Schlauchbooten über das Meer antreten.

Ein wirkungsvolles Mural von Gaia ist nahe am Fischmarkt von Ostende entstanden. Foto: Meike Nordmeyer

Schon an diesen wenigen Beispielen wird deutlich, was für eine facettenreiche und spannende Streetart-Galerie in Ostende entstanden ist. Bei einer Tour zu Fuß habe ich viel entdeckt, und doch nur einen Bruchteil davon zu sehen bekommen. Ich muss unbedingt nochmal wiederkommen und dann mit dem Fahrrad losziehen, denn damit lassen sich auch die weiter außerhalb befindlichen Werke schnell erreichen. Und nach der Fahrradtour dann herrlich am Strand entspannen – das ist eine tolle Kombi, die sich in der Küstenstadt bietet. Für das Jahr 2020 ist eine weitere Ausgabe des Festivals Crystal Ship geplant, dann wird die Galerie in Ostende also noch weiter wachsen. Es bleibt spannend, was das Kristallschiff beim nächsten Mal in die Stadt bringt-

Weitere Infos

Jeden Sonntagvormittag finden Führungen zur Streetart in Ostende statt. Anmeldung und Treffpunkt ist an der Touristen Information an der Monacoplein 2. Die Führungen sind auf flämisch, mit Anmeldung können auch englischsprachige gebucht werden.

Wer die Streetart in der Stadt mit dem Fahrrad erkunden will, der kann über die Touristen Information ein Gefährt mieten und der Fahrradroute in dem Crystal-Ship-Plan folgen.

Weitere Infos zum Festival gibt es hier.

Flämische Meister, Flandern

Schneller gelebt – Barockmaler Adriaen Brouwer

Der Nichtbrauer aus den Brauhäusern, bekommt in Oudenaarde seine große Show

Adriaen Brouwer ist einer der großen Flämischen Meister aus der zweiten Reihe, gleich hinter den Topstars Rubens, Rembrandt, Breughel, van Eyck. In Oudenaarde, seinem Geburtsort 30 Kilometer südlich von Gent, denkt man über den berühmtesten Sohn der Stadt natürlich anders. Obwohl: „Manche Menschen in Oudenaarde glauben wirklich“, sagt Fremdenführerin Bernadette van Damme, „Brouwer? Na, der war wahrscheinlich Brauer, oder?“

Zum Brauen hatte Brouwer (1605-1638) tatsächlich ein intimes Verhältnis. Seine Bilder zeigen mehrheitlich Szenen aus Brauhäusern. Wunderbare Trinkerfratzen hat er gemalt, selig besoffene Schluckspechte, grobschlächtige Bauern, ordinäre Tagediebe paffend oder prügelnd, Soldatenvisagen beim Kartenspiel, die Augen gern verdreht, glücksberauscht. Wirtshaussatire, lobt die Kunstgeschichte. Satire? Eher war Brouwer ein Dokumentarist des Alltags. Rubens, bei dem Brouwer jahrelang arbeitete, schätzte ihn außerordentlich und sammelte seine Bilder.

Ansonsten war die Wertschätzung Brouwers zu Lebzeiten überschaubar. Weil seine deftigen Motive bei Adel & Co gebremste Kauflust auslösten, gilt er als armer Poet unter den Pinselführern. Einmal wurde sogar sein Hausrat gepfändet. Er war bekannt für seine ungewöhnlich kleinen Werke (etwa DIN A4), die waren schnell zu verkaufen, das schnelle Geld schnell zu versaufen. „Brouwer hat drei mal so schnell gelebt wie andere“, sagt van Damme; er habe, heißt es 1876 in einer Biografie, „dem Bacchus wol manchmal mehr als gut huldigend“ gelebt und wurde auch nur 32 Jahre alt. Für sein Begräbnis in Antwerpen musste gesammelt werden.

Kein einziges Brouwerbild hängt in Oudenaarde. Das hat sich sich mit dem 15. September verändert. Dutzende Werke kommen aus New York, Los Angeles, Philadelphia, den Niederlanden (wo Brouwer in Haarlem mit Frans Hals arbeitete) und aus der Alten Pinakothek in München, die allein 17 Brouwersche Zechergemälde hat. Die Ausstellung ist im Museum MOU im alten Stadthaus zu sehen. Hier ist dauerhaft eine Sammlung riesiger Wandteppiche ausgestellt. Gobelin-Teppiche waren ab dem späten Mittelalter das Wahrzeichen der Stadt; in diesem Gewebe-Gewerbe arbeitete auch Brouwers Vater als Vorlagenmaler.

Die Operation am Rücken. 1636, Adriarn Brouwer, © Städel Museum, Frankfurt am Main, Arthothek

Das kleine Oudenaarde an der Schelde (Stadtkern nur 6.000 Einwohner) ist ein wohltuend luftiger Ort mit auffallend viel Freiraum zwischen Häusern, Grünflächen und dem Fluss. Ein Schlösschen gibt es noch, einen Beginenhof und neben einer früheren Textilfabrik eine niedliche Arbeitersiedlung mit dutzenden besterhaltenen Zweifensterhäusern aus den 1880er-Jahren. Das gotische „Stadhuis“ von 1526 ist eines der schönsten Belgiens, weil es gewissenhaft renoviert ist und unverbaut am Großen Markt liegt (von dem, zumindest weitgehend, seit vergangenem Jahr die Parkplätze eliminiert sind).

Oudenaarde

In der Oudenaarder Bierschmiede Roman, der ältesten Familienbrauerei Belgiens (derzeit in 14. Generation geführt), wissen sie um den Werbewert des Malers. Seit 2002 gibt es das Brouwer Cuvee in zwei Geschmacksrichtungen. Das stärkere lässt den Geschmack von Wildbret und Schokolade ahnen. Zum Ausstellungsjahr lockt seit Mai das dritte, extradunkel und extrastark mit 10 Prozent. Weiterlesen …

Flandern, Gent, Kultur

Design oder nicht sein

Immer wenn ich in belgischen Restaurants, Hotels oder Geschäften bin, wenn ich in die Häuser und Gärten schaue, dann habe ich das Gefühl, dass die Menschen hier ein ganz besonderes Verhältnis zu Gestaltung haben: Design oder nicht sein, so scheint mir das Motto vieler Flamen. Und so wundert es auch nicht, dass es in Gent ein ganzes Museum voll mit den wirklich schönen Dingen des Alltags gibt, mit Stühlen, Lampen, Stoffen und Objekten – das Design Museum Gent. Das möchte ich euch heute vorstellen.

Zugegeben, an dieser Stelle hab ich schon häufiger gesagt, dass das ein oder andere Museum in Flandern zu meinen Favoriten zählt. Das Design Museum Gent ist aber – zumindest bis jetzt – mein absoluter Spitzenreiter. Nur ein paar Gehminuten weg vom Trubel am Korenmarkt, liegt es in einer ruhigen Straße, der Jan-Breydel-Straat. Es ist ein Mekka für Ästheten und – ich hatte jedenfalls bisher immer Glück – auch eine Oase der Ruhe, denn in dem großen Komplex verteilen sich die Besucher schnell.

Das Design Museum:

Das Gebäude an sich ist schon eine Attraktion: Den Kern bildet das ehemalige „Hotel de Coninck“, ein 1755 erbautes Herrenhaus. In den schönen im Rokoko und klassischen Stil ausgestatteten Innenräumen könnt ihr über die alten knarzenden Parkettböden wandeln und Wandgemälde, Ledertapeten, Kamine und Holztäfelungen bestaunen. Die alten Polstermöbel und der hölzerne Kronleuchter katapultieren euch zurück ins 17. und 18. Jahrhundert. Und gleich im ersten Raum gibt es ein Fest fürs Auge: In dem gediegenen Ambiente des Salons sticht ein Tisch aus lauter Büchern hervor, die Platte eine Collage aus leuchtend bunten Buchdeckeln unter einer Gasplatte, eine Kunstwerk von Richard Hutten.  Ein spannender Kontrast, der gleich zu Beginn des Rundgangs die immense Breite der Sammlung des Museum repräsentiert, die nicht nur in dem imposanten Altbau, sondern auch einem 1992 ergänzten luftigen Neubau gezeigt wird.

An dieser Stelle macht es Sinn, kurz in die Geschichte des Museum zurückzublicken: Das Museum wurde 1903 vom „Verband der industriellen und dekorativen Künste“, einer privaten Organisation von Industriellen und Künstlern, gegründet. Zunächst hatte es sich auf Möbelstücke aus dem 18. Jahrhundert in verschiedenen französischen Stilen, darunter Rokoko, Neoklassizismus und Empire-Stil sowie zeitgenössische Objekte aus der Zeit um die Weltausstellung in Gent (1913) und aus den frühen 1920er Jahren in Paris konzentriert. Später kamen wundervolle Stücke aus der Zeit der Art Nouveau und Art Deco sowie italienische Postmoderne mit Studio Alchimia und Memphis dazu. Nach und nach hielt aber auch zeitgenössisches Industriedesign und künstlerisches Design Einzug. Was dazu führte, dass das nun auch räumlich erweiterte Museum 1995 in „Museum für Dekorative Kunst und Design“ und 2001 schließlich in Design Museum Gent umbenannt wurde.

Heute ist die Sammlung auf über 22.500 Objekte angewachsen. Sie umfasst angewandte Kunst und Design von 1450 bis heute und sie ist sowohl regional, national als auch international sehr vielseitig. Nirgendwo sonst in Belgien findet ihr solch ein zusammenhängendes Bild vom führenden Design seit dem Jugendstil.  Im Fokus steht dabei vor allem die Gestaltung von Innenräumen, von der Privatwohnung bis zum Büro – also von Möbeln über Keramik und Glas bis zu Textilien. Außerdem zeigt das Museum einige Klassiker des nationalen und internationalen Designs, die den jeweiligen Zeitgeist wundervoll widergeben.

Design Museum, © Joost Joossen

Ich empfehle Euch auf jeden Fall: bringt Euch viel Zeit mit. Es gibt so viel zu entdecken, und vor allem wiederzuentdecken, denn das ein oder andere schön gestaltete Stück habt ihr vielleicht selbst schon mal in den Händen  gehalten oder vielleicht schon selbst „besessen“, wie den Kultstuhl 03 von Maarten Van Severen oder den Elefanten-Hocker von Charles und Ray Eames.

Derzeit ist übrigens eine erneute Erweiterung geplant: In einem neuen Museumsflügel soll Platz für Sonderausstellungen, Workshops und Museumsgastronomie geschaffen werden. Spätestens dann werde ich wieder in mein Lieblingsmuseum fahren.

© Bas Bogaerts, Vist Gent

Flandern

Kunst in der Stadt – Streetart in Antwerpen

Früher fand ich Graffitis total hässlich. Vor allem diese Schriftzüge, die wunderschön renovierten Häuser verschandeln und wie mit einem Untertitel zu sagen scheinen: „Schönheit ist vergänglich“.
Doch dann entdeckte ich die Welt der Straßenkunst:. Ich erkannte, dass Straßenkunst nicht immer nur als Verschandelung zu sehen sein muss. Ich realisierte, dass zahlreiche Kunstwerke eine Botschaft zu überbringen haben. Und das vor allem Städte mit vielen sozialen Herausforderungen oft eine Vielzahl von richtig guten Kunstwerken zu bieten haben.

© Janett Schindler

Gibt es Streetart in Antwerpen?

Um ganz ehrlich zu sein – bisher kam mir Antwerpen nicht wie eine Stadt vor, in der sich Straßenkunst wirklich gut entfalten kann. Doch da habe ich mich gewaltig getäuscht. Antwerpen? Das ist nicht nur Rubens und Snijders – das ist nicht nur barocke Kirchenkunst und Architektur des 19ten Jahrhunderts.

© Janett Schindler

Wir treffen Tim Marschang vor dem Rubens-Haus. Er ist das, was man in Sachen Streetart in Antwerpen einen Experten nennt. Wenn jemand über die Künstler, Kunstwerke und vor allem neue Straßenkunst Bescheid weiß, dann er. Seine „Straßenkunst-Touren“ durch Antwerpen bietet er über Facebook an – und zeigt seit neuestem auch vier „barocke“ Kunstwerke. Ich bin neugierig – denn auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt schon mehr als einem Tag in der Stadt in Flandern unterwegs war – wirklich viel „Streetart“ habe ich nicht entdecken können. Weiterlesen …

Antwerpen, Flandern, Kulinarik

Champagner der Arbeiterklasse – Die abenteuerliche Geschichte der Seef Brauerei in Antwerpen

Sechs Jahre lang hatte er für den Leibhaftigen gearbeitet. Johan van Dyck war Marketingdirektor bei Duvel-Bier. Er tat das so erfolgreich, dass ihn das Magazin Trends einmal zum PR-Manager des Jahres in Belgien kürte. Dann blätterte van Dyck, heute 42, zufällig in einem Buch.

Das Buch behandelte die vergessenen Brauereien in van Dycks Heimatstadt Antwerpen, weit mehr als hundert gab es bis Ende des 19. Jahrhunderts. Die meisten brauten Seefbier, las er, den „Champagner der Arbeiterklasse“, wie man sagte. Seefbier? Niemand wusste mehr etwas davon. Rezepte? Verschollen. Nur der Name Seefhook, also Seefviertel, gleich nördlich der historischen City war geblieben. Da standen die Sudkessel.

Johan van Dyck suchte. Er fand ein weiteres Buch mit alten Bierrezepten – was fehlte, war Seefbier. Drei Jahre lang forschte er in Archiven, besuchte alte Brauerfamilien und Seniorenheime. Erfolglos. Bis er auf einem Dachboden in einem alten Schuhkarton („Das war wie ein Einschlag aus heiterem Himmel“) den großen Treffer landete. Irgendwer hatte ein Seef-Rezept handschriftlich notiert – Buchweizen muss hinein, eine besondere regionale Hopfensorte, vor allem sehr spezielle alte Hefen.

© Johan v. Dyck via P. Eichhorn

Van Dyck war elektrisiert. Er kontaktete die führenden Brauereiwissenschaftler an der Uni Löwen, und tatsächlich: Man wurde in alten Hefebanken fündig. 2011 erste Brauversuche. Mit hinreißenden Ergebnissen. Begeistert eröffnete van Dyck seinem Arbeitgeber, er wolle fortan nebenher hobbybrauen. Weniger elektrisiert meinten die Teufelsmanager: „Das kannst du noch mit 65 machen.“ Johan van Dyck kündigte den Job.

Spätestens mit diesem Tag begann die verblüffende Erfolgsgeschichte der heutigen Antwerpse Brouw Compagnie. 2012 öffentliche Erstverkostung im Antwerpener Rathaus. Der Bürgermeister feierte das Bier als „kulturelles Erbe“ der alten Stadt. Nach wenigen Tagen war alles weggetrunken. Neider glaubten schon an „künstliche Verknappung“, ein Marketingtrick. Nichts da, sagte van Dyck. „Die Leute waren einfach verrückt danach“, sagt heute Johans Ehefrau Karen Follens, 41.

Die Fremdproduktion (bei der alten Roman-Brauerei in Oudenaarde) lief an, weil eigene Großbraukessel fehlten. „Ein Gottesgeschenk“, sagt van Dyck, „dass die dort genau die Installationsanlagen hatten, um das über hundert Jahre alte Bier herzustellen und wir sie nutzten durften“. Schnell wurde Seefbier international bestaunt und testgetrunken. Sieben Mal nahm man an Wettbewerben teil, schlechtestes Ranking: Platz 1. Also immer die Goldmedaille – auch beim World Bier Award in San Diego, „obwohl wir selbst gar nicht vor Ort waren“, sagt Follens.

Letzter Schritt: Die eigene Brauerei. Große Firmen als Teilhaber kamen nicht infrage, dafür kennt van Dyck das Braubusiness zu gut. So etwas fange gut an, aber dann werde von Kostendruck gesprochen, Rezepturen verbilligt. „Die downsizen schnell, verkaufen dich womöglich. Da kann man nur verlieren.“ Also kramte man „alle Sparcents“ zusammen, legte ein Crowdfunding für tausend Leute auf (lebenslange Bierbelieferung gegen Teilhaberschaft von 150-1000 Euro) und pachtete im Antwerpener Hafengebiet, nicht weit vom MAS (Museum Aan Stroom), eine Pumpstation aus dem 19. Jahrhundert.

Der unscheinbare Backsteinbau wurde ausgebaut zu einem schickem Braucafé und Nachbarschaftstreff, davor ein Biergarten. Seit August 2017 entsteht das neue Seefbier in einer silbern blitzenden eigenen Brauanlage (Kapazität: 30.000 Hektoliter/Jahr) direkt vor den Augen der Gäste. Viele Crowdfunder kommen immer mal wieder auf ein Bier vorbei. „Die glauben an uns. Das ist wie eine große Familie“, sagt Karen Follens.

Man merkt der Brauerei die PR-Kunst ihres Inhabers an. Braukompagnie – welch frischer alter Begriff. Es gibt ein ausgeklügeltes und ansprechendes Corporate Design in der Werbung, auf den Flaschen. Der Pater auf dem Etikett trägt Sneakers.

Mittlerweile haben Bierhistoriker auch geklärt, warum das alte Seefbier ausstarb. Pils war plötzlich angesagt, einfacher herzustellen und besser zu lagern durch neuartige Pasteurisierung. Es konnte industrialisiert in größeren Mengen hergestellt werden und überschwemmte auch Flandern mit konkurrenzlosen Preisen. Ein Fall von früher Globalisierung: Masse statt handwerklicher Feinarbeit. Weiterlesen …

Flandern, Kulinarik, Limburg

Ein fruchtbares Fleckchen Flandern: Die Heimat des Stroop

Man soll ja keine Äpfel mit Birnen vergleichen, aber man kann sie getrost in einen Topf werfen! Das machen etwa die Obstbauern im Haspengau, einer Region im Süden der Provinz Limburg, schon seit mehr als 150 Jahren. Das Ergebnis: der legendäre „Stroop“ ein Fruchtsirup. Auch ich kannte bisher weder die Region noch die süße Limburger Spezialität – bis ich mich auf eine leckere naturnahe Erkundungstour begeben habe.

Der Haspengau ist – nach Südtirol – die größte Obstregion Europas. Die Region, die auch „Obstgarten Flanderns“ genannt wird, erstreckt sich zwischen Hasselt, Sint-Truiden, Tongeren und dem Voerenland. Im Süden und Osten bildet die Maas eine natürliche Grenze. Die Region ist dünn besiedelt, die Landschaft einfach malerisch: sanfte Hügel mit Obstgärten und dazwischen die geschwungenen Mauern wie von Burgen – meinst stammen sie von befestigten Bauernhöfen. Und überall Obstbäume und -sträucher. Sogar Wein wächst hier. Schließlich bietet der fruchtbare Boden beste Bedingungen. Das ganze Jahr über kann man – dem Erntekalender entsprechend – die Region immer noch etwas anders erleben.

Ein absolutes Highlight ist die Obstblüte im April, wenn sich die Landschaft in ein riesiges buntes Blütenmeer verwandelt. Mir gingen beim Anblick Augen und Herz auf. Es gibt auch eine eigene Fahrradroute durch die „Terra Fecunda“, das bedeutet soviel wie „fruchtbares Land“. Im Gemeindehaus von Alken, im Norden von Limburg, könnt ihr Euch dazu einen „Verhalenfluisteraar“ ausleihen. Dieser Geschichtenflüsterer ist ein Gerät, das ihr an Euer (Leih-)Fahrrad klemmen könnt und das euch beim Radeln mit Hintergrundinfos, Musik, einem Hörspiel und mit Tipps versorgt. Auf dem kleinen Monitor zeigt es auch kleine Filmausschnitte von besonderen Punkten der Route.

Eine ganz besonders originelle Art, im Sommer die Natur im Flämischen Obstgarten hautnah zu genießen, bietet das Hotel Ri Coëme in Sint-Truiden, der Hauptstadt des Haspengaus, in diesem Jahr zum ersten Mal an: „Glamping“. Die fünf luxuriösen Zweipersonenzelte sind ausgestattet mit bequemem Boxspringbett, frischen Laken und gemütlicher Beleuchtung. Im nächsten Sommer könnt ihr den Logenplatz an der Obstwiese wieder genießen – für dieses Jahr ist alles ausgebucht.

Im Juni und Juli könnt ihr den Obstbauern zuschauen, wenn sie die Kirschen, Himbeeren und Erdbeeren ernten. Von August bis Oktober folgen Äpfel, Birnen und Trauben. Weiterlesen …