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Flämische Meister

Rubens und Moretus – eine fruchtbare Freundschaft mit Folgen

Ich liebe Bücher und ich habe ein ausgesprochenes Faible für Kunst und Design. Ich verbringe viele Stunden in Museen, Ausstellungen und Bibliotheken. Die neue Ausstellung „Baroque Book Design. Eine Geschichte über Freundschaft und Zusammenarbeit“ im Museum Plantin-Moretus in Antwerpen ist daher ganz nach meinem Geschmack. Bis zum 6. Januar 2019 ist sie noch zu sehen. Sie ehrt nicht nur die Zunft der Buchgestalter, sondern auch Peter Paul Rubens als Buchdesigner.

Nachdem im Juni ja schon die ersten Ausstellungen im Rahmen des Themenjahres „Antwerp Baroque 2018. Rubens inspires“ eröffnet haben, folgt nun der zweite Schwung. Und dabei richten sich die Scheinwerfer des Festivals – in der Geburtsstadt des epochalen Topstars – auch wieder auf den großen Künstler persönlich. Dass Rubens mit seinen prallen Damen Lebenslust, Überschwang, Pioniergeist und ganz viel Emotion verkörpert, ist hinlänglich bekannt. Eher im Hintergrund bleiben häufig andere Aspekte seines künstlerischen Schaffens und des Netzwerks, das Rubens zeitlebens pflegte – etwa die Freundschaft mit dem Antwerpener Verleger Balthasar Moretus. Dieser lebte von 1574 bis 1641 und war Enkel des berühmten Christoffel Plantin und Sohn von Jan Moretus, den Begründern der großen Druckerdynastie in Antwerpen. Wohnhaus und Druckerei sind heute als Museum zugänglich.

Printing factory, Museum Plantin-Moretus, © Filip Dujardin

Balthasar I Moretus, Titelseite des Breviarum Romanum

In dem prächtigen Gebäude wird die jahrhundertealte Geschichte des Buches und der Buchdruckerkunst zum Leben erweckt. Ihr erhaltet einen Blick in eine einzigartige Sammlung: die ältesten Druckpressen der Welt, eine einmalige Bibliothek mit Zehntausenden von Büchern und eine herrliche Kunstsammlung. Unzählige Buchstaben liegen hier gut sortiert in den Regalen, als hätten die Setzer sie gerade erst dort hingelegt. Kein Wunder also, dass das Museum Plantin Moretus im Jahr 2005 von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt wurde – übrigens als allererstes Museum der Welt.

Die Druckerei ist nicht nur ein eindrucksvolles Technikdenkmal, es ist auch die Keimzelle für eine neuen Gattung Buch. Im 16. Jahrhundert – der moderne Buchdruck in Europa war noch keine hundert Jahre alt – entstanden viele neue Arten von Büchern. Das ist nicht zuletzt Verlegern wie der Familie Plantin-Moretus zu verdanken. Sie suchten nach neuen Wegen, Informationen und Ideen auf Papier zu drucken und zu ordnen. Sie dachten darüber nach, wie Texte besser gesetzt werden konnten, wie Bild und Text zusammenspielten, und was die Titelseite eines Buches darstellen konnte und sollte. Damals entstand das gedruckte Buch, wie wir es heute kennen – und auch heute noch stellen sich Verleger und Designer zu Beginn eines Publikationsprojekts ähnliche Fragen.

Es war Balthasar I Moretus, der erstmals prominente Künstler für seine Buchprojekte gewann. Und hier kommt dann auch Rubens ins Spiel: als Freund der Familie hatte er bereits zahlreiche Familienportraits gemalt. Nun erhielt er zum Beispiel den Auftrag für die Illustrationen für neue Gebetbücher und machte sich damit erstmal als Buch-Designer einen Namen. Der Besuch im Museum Plantin-Moretus lässt daran keinen Zweifel und zeigt, dass auch Rubens‘ Zeitgenossen Erasmus Quellinus, Karel de Mallery, Peeter de Jode und Abraham Van Diepenbeeck Entwürfe für Titelseiten und Illustrationen lieferten und somit im Buchgewerbe mitmischten. Ihr könnt in der Ausstellung tief eintauchen in die Geschichte, das Handwerk und die Kunst des Buches. Weiterlesen …

Flandern, Gent, Kultur

Design oder nicht sein

Immer wenn ich in belgischen Restaurants, Hotels oder Geschäften bin, wenn ich in die Häuser und Gärten schaue, dann habe ich das Gefühl, dass die Menschen hier ein ganz besonderes Verhältnis zu Gestaltung haben: Design oder nicht sein, so scheint mir das Motto vieler Flamen. Und so wundert es auch nicht, dass es in Gent ein ganzes Museum voll mit den wirklich schönen Dingen des Alltags gibt, mit Stühlen, Lampen, Stoffen und Objekten – das Design Museum Gent. Das möchte ich euch heute vorstellen.

Zugegeben, an dieser Stelle hab ich schon häufiger gesagt, dass das ein oder andere Museum in Flandern zu meinen Favoriten zählt. Das Design Museum Gent ist aber – zumindest bis jetzt – mein absoluter Spitzenreiter. Nur ein paar Gehminuten weg vom Trubel am Korenmarkt, liegt es in einer ruhigen Straße, der Jan-Breydel-Straat. Es ist ein Mekka für Ästheten und – ich hatte jedenfalls bisher immer Glück – auch eine Oase der Ruhe, denn in dem großen Komplex verteilen sich die Besucher schnell.

Das Design Museum:

Das Gebäude an sich ist schon eine Attraktion: Den Kern bildet das ehemalige „Hotel de Coninck“, ein 1755 erbautes Herrenhaus. In den schönen im Rokoko und klassischen Stil ausgestatteten Innenräumen könnt ihr über die alten knarzenden Parkettböden wandeln und Wandgemälde, Ledertapeten, Kamine und Holztäfelungen bestaunen. Die alten Polstermöbel und der hölzerne Kronleuchter katapultieren euch zurück ins 17. und 18. Jahrhundert. Und gleich im ersten Raum gibt es ein Fest fürs Auge: In dem gediegenen Ambiente des Salons sticht ein Tisch aus lauter Büchern hervor, die Platte eine Collage aus leuchtend bunten Buchdeckeln unter einer Gasplatte, eine Kunstwerk von Richard Hutten.  Ein spannender Kontrast, der gleich zu Beginn des Rundgangs die immense Breite der Sammlung des Museum repräsentiert, die nicht nur in dem imposanten Altbau, sondern auch einem 1992 ergänzten luftigen Neubau gezeigt wird.

An dieser Stelle macht es Sinn, kurz in die Geschichte des Museum zurückzublicken: Das Museum wurde 1903 vom „Verband der industriellen und dekorativen Künste“, einer privaten Organisation von Industriellen und Künstlern, gegründet. Zunächst hatte es sich auf Möbelstücke aus dem 18. Jahrhundert in verschiedenen französischen Stilen, darunter Rokoko, Neoklassizismus und Empire-Stil sowie zeitgenössische Objekte aus der Zeit um die Weltausstellung in Gent (1913) und aus den frühen 1920er Jahren in Paris konzentriert. Später kamen wundervolle Stücke aus der Zeit der Art Nouveau und Art Deco sowie italienische Postmoderne mit Studio Alchimia und Memphis dazu. Nach und nach hielt aber auch zeitgenössisches Industriedesign und künstlerisches Design Einzug. Was dazu führte, dass das nun auch räumlich erweiterte Museum 1995 in „Museum für Dekorative Kunst und Design“ und 2001 schließlich in Design Museum Gent umbenannt wurde.

Heute ist die Sammlung auf über 22.500 Objekte angewachsen. Sie umfasst angewandte Kunst und Design von 1450 bis heute und sie ist sowohl regional, national als auch international sehr vielseitig. Nirgendwo sonst in Belgien findet ihr solch ein zusammenhängendes Bild vom führenden Design seit dem Jugendstil.  Im Fokus steht dabei vor allem die Gestaltung von Innenräumen, von der Privatwohnung bis zum Büro – also von Möbeln über Keramik und Glas bis zu Textilien. Außerdem zeigt das Museum einige Klassiker des nationalen und internationalen Designs, die den jeweiligen Zeitgeist wundervoll widergeben.

Design Museum, © Joost Joossen

Ich empfehle Euch auf jeden Fall: bringt Euch viel Zeit mit. Es gibt so viel zu entdecken, und vor allem wiederzuentdecken, denn das ein oder andere schön gestaltete Stück habt ihr vielleicht selbst schon mal in den Händen  gehalten oder vielleicht schon selbst „besessen“, wie den Kultstuhl 03 von Maarten Van Severen oder den Elefanten-Hocker von Charles und Ray Eames.

Derzeit ist übrigens eine erneute Erweiterung geplant: In einem neuen Museumsflügel soll Platz für Sonderausstellungen, Workshops und Museumsgastronomie geschaffen werden. Spätestens dann werde ich wieder in mein Lieblingsmuseum fahren.

© Bas Bogaerts, Vist Gent

Flandern, Kulinarik, Limburg

Ein fruchtbares Fleckchen Flandern: Die Heimat des Stroop

Man soll ja keine Äpfel mit Birnen vergleichen, aber man kann sie getrost in einen Topf werfen! Das machen etwa die Obstbauern im Haspengau, einer Region im Süden der Provinz Limburg, schon seit mehr als 150 Jahren. Das Ergebnis: der legendäre „Stroop“ ein Fruchtsirup. Auch ich kannte bisher weder die Region noch die süße Limburger Spezialität – bis ich mich auf eine leckere naturnahe Erkundungstour begeben habe.

Der Haspengau ist – nach Südtirol – die größte Obstregion Europas. Die Region, die auch „Obstgarten Flanderns“ genannt wird, erstreckt sich zwischen Hasselt, Sint-Truiden, Tongeren und dem Voerenland. Im Süden und Osten bildet die Maas eine natürliche Grenze. Die Region ist dünn besiedelt, die Landschaft einfach malerisch: sanfte Hügel mit Obstgärten und dazwischen die geschwungenen Mauern wie von Burgen – meinst stammen sie von befestigten Bauernhöfen. Und überall Obstbäume und -sträucher. Sogar Wein wächst hier. Schließlich bietet der fruchtbare Boden beste Bedingungen. Das ganze Jahr über kann man – dem Erntekalender entsprechend – die Region immer noch etwas anders erleben.

Ein absolutes Highlight ist die Obstblüte im April, wenn sich die Landschaft in ein riesiges buntes Blütenmeer verwandelt. Mir gingen beim Anblick Augen und Herz auf. Es gibt auch eine eigene Fahrradroute durch die „Terra Fecunda“, das bedeutet soviel wie „fruchtbares Land“. Im Gemeindehaus von Alken, im Norden von Limburg, könnt ihr Euch dazu einen „Verhalenfluisteraar“ ausleihen. Dieser Geschichtenflüsterer ist ein Gerät, das ihr an Euer (Leih-)Fahrrad klemmen könnt und das euch beim Radeln mit Hintergrundinfos, Musik, einem Hörspiel und mit Tipps versorgt. Auf dem kleinen Monitor zeigt es auch kleine Filmausschnitte von besonderen Punkten der Route.

Eine ganz besonders originelle Art, im Sommer die Natur im Flämischen Obstgarten hautnah zu genießen, bietet das Hotel Ri Coëme in Sint-Truiden, der Hauptstadt des Haspengaus, in diesem Jahr zum ersten Mal an: „Glamping“. Die fünf luxuriösen Zweipersonenzelte sind ausgestattet mit bequemem Boxspringbett, frischen Laken und gemütlicher Beleuchtung. Im nächsten Sommer könnt ihr den Logenplatz an der Obstwiese wieder genießen – für dieses Jahr ist alles ausgebucht.

Im Juni und Juli könnt ihr den Obstbauern zuschauen, wenn sie die Kirschen, Himbeeren und Erdbeeren ernten. Von August bis Oktober folgen Äpfel, Birnen und Trauben. Weiterlesen …

Antwerpen, Flandern, Gent, Kulinarik, Leuven

Haute Dogs – Was Foodies Marlon Brando zu verdanken haben

Als ich das letzte Mal in Flandern war, bin ich auf den Hund gekommen, und zwar einen ganz besonderen: den Haute Dog. Vielleicht habt ihr schon von diesem neuen Foodtrend gehört. Denn nicht nur Burger und Fleischbällchen kann man auch ganz anders, also mit frischen Zutaten, gesund und lecker herstellen, sondern auch Hot Dogs. Der Klassiker des Fastfoods erlebt gerade eine Renaissance, oder sagen wir besser: er wird ganz neu erfunden. Gourmet-Hotdogs sind zur Zeit der Renner auf Streetfood-Festivals, sie begeistern Foodies auf der ganzen Welt. Flandern ist hier ganz weit vorn, schließlich gibt es hier schon ein Restaurant, das Würst, das sich ausschließlich den ‘Haute Dogs’ widmet.

Wenn ihr einmal, wie ich eine der ungewöhnlichen Variationen bei Würst probiert habt, werdet ihr künftig bei Ikea am Ausgang nur noch milde lächeln und am Hot Dog-Stand kopfschüttelnd vorbeischlendern. Denn statt Wurst, Gurke und Ketchup kommen im Würst auch mal ganz andere Zutaten auf das Brötchen, wie zum Beispiel Pulled beef, Relish, Jalapeños, Ruccola oder Avocadocreme. Das hat mit Fastfood nicht mehr viel zu tun. So kommt bei Würst sicher jeder auf seinen Geschmack. Auf der Karte findet ihr alle möglichen Varianten vom „Dog Monsieur“ über den „Bacon Bearnaise“  bis zum „Memphis Soul“. Natürlich gibt es auch den klassischen Hot Dog, also fast: Der „Classig Dog“ wird mit Sauerkraut gereicht. Alle Kreationen gibt es auch glutenfrei und als Veggie-Version.

Haute Dog Mexico (c) Piet de Kersgieter

Die Idee für das Würst kam Jeroen Meus übrigens nach einer Folge seiner Fernsehkochshow „Plat Preféré“. In jeder Episode reiste Meus in das ehemalige Zuhause einer verstorbenen Berühmtheit, um das Lieblingsgericht dieser Persönlichkeit in Gesellschaft von Familienmitgliedern oder Freunden zu kochen. So kam es, dass er einen Hot Dog zu Ehren von Marlon Brando zubereitete. Seitdem hatte der Koch den großen Wunsch, eine raffiniertere und reinere Version des klassischen Snacks zu kreieren. Zurück in Leuven begeisterte er Filip Rondou, den besten Metzger der Stadt, von seiner Vision. Gemeinsam entwickelten sie die perfekte Wurst für Würst. Anschließend ließ sich Meus in der Biobäckerei De Trog in die Handwerkskunst des perfekten Brötchenbackens einführen und schuf die zu den Haute Dog Rezepten passenden Brotsorten. Bereits 2015 öffnete in Leuven das erste Würst- Restaurant, 2016 kam eine Filiale in Gent dazu. Mittlerweile gibt es noch einen Ableger in Antwerpen.

Mein Tipp: Lasst Euch im Würst einfach mal einen Haute Dog auf der Zunge zergehen. Am besten in Leuven, denn das bietet sich gerade eh für eine Genusstour an. Denn jedes Jahr Anfang August (so auch am 5. August 2018) stellt Leuven beim Foodfestival Hapje-Tapje sein kulinarisches Angebot vor. An diversen Ständen auf dem Oude Markt bieten Restaurants in Leuven kleine Häppchen. Da könnt ihr nach Herzenslust naschen und probieren und dabei auch viele Spezialbiere kosten. Und am Nachmittag geht’s um die Wurst, Quatsch um den Spaß, wenn die Barmänner und -frauen beim traditionellen Barkeeper-Race um die Wette rennen.

 

Antwerpen, Flandern, Kultur

Der etwas andere Lückenfüller: Jan Fabre und seine neuen Altarwerke in der Augustinuskirche

Wir haben ihn an dieser Stelle schon einmal vorgestellt: Jan Fabre, der Künstler, den ihr vielleicht von seiner eindrucksvollen Deckeninstallation „Heaven of Delight“ im Spiegelsaal des Brüsseler Königspalastes oder von seinem Kreuzträger in der Liebfrauenkathedrale in Antwerpen kennt. In der imposanten Kirche, quasi Auge in Augen mit den Meisterwerken der Flämischen Meister, hat er schon mal gezeigt, dass der auch „Kirchen“ kann.

Im Barockjahr „Antwerp Baroque 2018, Rubens inspires“ treffen wir den allround-Künstler wieder. Und wieder hat er sich einer Kirche gewidmet. Diesmal drückt er der ehemaligen Augustinerkirche, die in diesem Jahr ihren 400. Geburtstag feiert, seinen ganz besonderen künstlerischen Stempel auf. Die Kirche, die heute das Augustinus Musikzentrum (kurz AMUZ) beherbergt, bietet eine wirklich atemberaubende Kulisse für ein abwechslungsreiches Programm, in dessen Mittelpunkt Alte Musik steht. Als wichtigster Antwerpener Künstler und als Mann, der ausreichend Erfahrung mit ähnlichen Kunst-Integrationsprojekten hat, wurde Jan Fabre eingeladen, drei neue Kunstwerke für den wunderschönen barocken Innenraum zu schaffen. Die ursprünglichen Altarbilder waren 1628 bei keinen Geringeren als bei Peter Paul Rubens, Anthony van Dyck und Jacob Jordaens in Auftrag gegeben worden. Die wertvollen Originalbilder sind schon lange nicht mehr hier zu sehen, sondern Teil der Sammlung des Königlichen Museums der Schönen Künste Antwerpen (KMSKA). Im 20. Jahrhundert wurde die Lücke mit Bildern von Leon Van Ryssegem gefüllt. Nun ist mit den neuen Werken von Fabre ein der ursprünglichen Bedeutung des Ortes angemessener Ersatz geschaffen worden.

 

AMUZ, © Lennart Knab

Seit Kurzem hängen die drei neuen Bilder hier, ach was sage ich, sie leuchten hier! Denn als Material für seine neuen künstlerischen Interpretationen wählte Fabre wie bereits im Königlichen Palast Flügelpanzer des Smaragdkäfers. Damit zaubert er nicht nur erneut eine faszinierend blau-grün schillernde Oberfläche. Diesmal zeichnet  er auch mit gelb-orangenen Tönen und klar erkennbaren Linien Figuren in das ungewöhnliche Material. Durch diese Technik wird buchstäblich bei jedem sich ändernden Licht eine Metamorphose des Bildes erzeugt. Also lasst Euch überraschen von den neuen Lichtblicken in der alten Kirche! Auch wenn sich an den Bildern sicher – wie bei so vielen Kunstwerken – die (Geschmacks-)Geister streiten, einzigartig und ungewöhnlich sind die neuen Altarwerke auf jeden Fall.

Auch wenn sich Jan Fabre bei seiner Kunst an den Flämischen Meistern orientiert – für die Augustinkirche konzentrierte er sich auch stark auf die heutigen Funktionen der Kirche, die als Konzertsaal, Begegnungs- und Geschäftszentrum sowie als Aufnahmestudio dient. Wer genau hinschaut, entdeckt in den drei neuen Arbeiten den Notenschlüssel, das Mikrophon oder etwas, was ich als Lautstärkenanzeige einordnen würde. Denn in den drei Bildern überträgt Fabre die Altarstücke von Jordaens, Van Dyck und Rubens quasi in die Sprache des Jahres 2018. Er übersetzt – oder besser gesagt „erzählt“ die Altarstücke neu und passt sie an ihre aktuelle Umgebung an.  Zugleich vereint er in den drei Bildern Kernelemente aus seinem Oeuvre miteinander: das Lamm, das Feuer, die Frau, die Spiritualität und der Diamant als Symbol für Antwerpen. Dass Fabre mit seinen ungewöhnlichen Kreationen auch provoziert und polarisiert, gehört bei einem Künstler wie ihm eben dazu.

 

Aber macht euch einfach euer eigenes Bild von Jan Fabres neuen Altarstücken. Ihr könnt sie ab sofort bis einschließlich 9. August 2018 (montags von 14 bis 20 Uhr, dienstags bis freitags zwischen 14 und 17 Uhr) im AMUZ bestaunen. Danach kann das Werk noch während der Konzerte, bei speziellen Stadtspaziergängen oder montags von 14 bis 20 Uhr besichtigt werden. Zusätzliche Öffnungszeiten gibt es etwa am 4. August 2018 im Rahmen der Antwerpener Museumsnacht. Dann wird bis 4.00 Uhr bei der Afterparty in der Barockkirche üppig gefeiert. Daneben habt ihr auch die Möglichkeit, die Entstehung der Werke nachzuvollziehen: Die verschiedenen Collagezeichnungen von Jan Fabre, die Grundlage für die neuen Altarbilder waren, sind vom 6. Juli bis 4. November 2018 in der Kunstgalerie Rossaert in der Nosestraat zu sehen.

 

Antwerpen, Flämische Meister, Flandern

Handwerk trifft Barock – Genusstour zum Barockjahr in Antwerpen

Wollt ihr mal ganz tief in die Epoche des Barock eintauchen? Dann seid ihr in Antwerpen genau richtig. Hier findet ihr nämlich nicht nur die barocken Klassiker, wie üppig ausgestattete Kirchen mit kunstvoll bemalten Decken und prachtvollen Verzierungen, dazu unzählige Werke der Alten Meister – allen voran natürlich Rubens. In diesem Jahr, wo das große Barockfestival „Antwerp Baroque 2018. Rubens inspires” gefeiert wird, gibt es dazu eine Reihe von Ausstellungen und Events, bei denen ihr eine ordentliche Portion barocker Lebensart genießen könnt. Das Barockjahr wurde am ersten Juniwochenende mit einem großen Barockfest eröffnet. Ich will euch heute aber noch verraten, wie ihr euch die Epoche auch so richtig auf der Zunge zergehen lassen könnt. Denn nicht nur Künstler, sondern auch Antwerpener Handwerker, darunter Bäcker, Metzger, Käser, Brauer, Teekenner, Brennereien, Chocolatiers und Keksbäcker, haben sich vom Barock inspirieren lassen und huldigen dem Meister mit Sonderausgaben ihrer Produkte. Vielleicht begleitet ihr mich auf meinem kleinen aber genussvollen Streifzug?

Bakkerij Goossens, Patrick Goossens, © Jonathan Ramael

Beginnen wir in der Korte Gasthuisstraat 31. Hier hat die Bäckerei Goossens, eine wahre Institution in Antwerpen, ihren Sitz. Die Bäckermeister ließen sich von Rezeptbüchern aus dem 17. Jahrhundert inspirieren und haben nun passend zum Themenjahr ein barockes Brot mit zugehörigem Brotbeutel auf den Markt gebracht. Dass Barock wirklich reine Geschmackssache ist, das stellt auch der Käser Van Tricht unter Beweis.

Stadsbrouwerij De Koninck, © Stillmation.photography

Passend zu dem Traditionsbier „Tripel d’Anvers“ von De Koninck kreierte Van Tricht eine köstliche Käsekugel. Die legendäre Antwerpener Stadtbrauerei auf dem Mechelsesteenweg 291 kann ich Euch auch wärmstens ans Herz legen. De Koninck bekennt im Barockjahr übrigens auch Farbe und entwickelte für das Tripel d’Anvers eine Sonderpackung mit vier Flaschen – sozusagen ein Four-Pack – gestaltet in den Farben und im Stil des Barockfestivals. Passend zum Bier bietet der Butcher’s Store (ein cooler Laden auf dem Gelände der Stadtbrauerei in der Boomgaardstraat 1/3) eine barocke Bierwurst an. Hergestellt wird sie ebenfalls nach einem alten flämischen Rezept mit Zeeuws-Vlaams (seeländisch-flämischem) Duroc-Schweinefleisch; und natürlich auch authentisch zubereitet: auf Eichen- und Buchenholz geräuchert und anschließend getrocknet.

Dass es im Barock nicht nur deftig zuging, das freut sicher auch die Teeliebhaber unter Euch. Vielleicht probiert ihr mal den Rosenknospentee oder den Blütentee von Lulin. Diese beiden Sorten ihres Tee-Sortiments haben Hans Verhoosel und Amy Gallagher speziell für Antwerpen Baroque 2018 neu gemischt. Wie alle Tees von Lulin werden auch diese Teesorten traditionell hergestellt: handverlesen und von Hand verarbeitet. An die Kaffeefans ist natürlich auch gedacht: Der Antwerpener Kaffeespezialist Rombouts entwickelte speziell für Antwerp Baroque 2018 eine Rubens-Kaffeemischung. Einen ganz besonderen Leckerbissen verspricht der Chocolatier Jitsk, den ihr ebenfalls in der Boomgaardstraat  findet. Der Gault Millau nannte ihn schon 2016 eine kulinarische Entdeckung und seine Schokoladen und seine handgemachte Eiscreme sind ohnehin Kult in Antwerpen. Jetzt setzt er mit seinem Schokoladenriegel „Rubensreep“ mit den vollen Aromen von Gewürzen und getrockneten Früchten noch einen drauf.

A. Snijders, Fr Stilleven, Cokeryen, © KBC, Rockoxhuis Antwerpen

Dass Essen im Barock eine große Rolle spielten, davon könnt ihr euch übrigens auch in einer der Ausstellungen ein Bild machen. Die erste Ausstellung im neueröffneten Snijders&Rockox Haus ist nämlich ganz der Kochkunst gewidmet. Unter dem Titel „Cokeryen” zeigt der Foodfotograf Tony Le Duc ab Ende September, dass Grundnahrungsmittel durchaus Kunst sein können – eine Gabe, über die vor ihm auch schon der Barockmaler Frans Snijders verfügte. (Und dass mit der Ausstellung von Paul Koiker im Fotomuseum auch die Auswirkungen barocker Genusskultur zu sehen sind, sei hier nur am Rande -und auch mit einem Augenzwinkern erwähnt.)

Aber zurück zu den Geschmackssachen. Oder seid ihr schon satt? Ich hätte da nämlich noch die berühmtesten Kekse der Stadt. Die „Antwerpse handjes“ (Antwerpener Hände) bekommt ihr nun in einer limitierten barocken Variante, verpackt in einer personalisierten Schachtel. Apropos Gestaltung: Dass das Barock faszinierende Formen hervorgebracht hat, ist ja hinlänglich bekannt. Wie modernes Design inspiriert vom historischen Barock aussehen könnte, darüber haben sich Studierende der Königlichen Akademie für Schöne Künste ihre kreativen Gedanken gemacht. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Sechs einzigartige Designs zieren nun Produkte vom T-Shirt bis zum Turnbeutel. Und auch die drei Juweliere von Antwerpen‘s Most Brilliant haben sich ein barockes Beispiel – etwa an den Engeln aus Rubens „Die Verkündigung“ – genommen und entwarfen speziell für das Barockfestival elegante und extravagante Schmuckstücke.

Die barocken Antwerpener Regionalprodukte findet ihr ab sofort im Antwerpener Stadtladen, in den Museumsläden und in der Pop-up-Bar „Baroque“ (Nationalestraat 45). Und wenn ihr euch nach all dem Genuss noch etwas bewegen wollt: Vielleicht folgt ihr dann einfach den Spuren von Rubens durch die Stadt? Das sind schließlich ganz schön viele.

Antwerpse Handjes, © Jan Crab

 

Antwerpen, Brüssel, Flandern, Gent, Kulinarik, Leuven

Wim Ballieu – der Meister der belgischen Streetfood-Kultur

Warum heißen Pommes Frites im Englischen eigentlich „French Fries“? Das ist Wim Ballieu vollkommen unverständlich. Wenn überhaupt müssten sie „Belgian Fries“ heißen, meint er. Stimmt, würde ich hinzufügen, denn nirgendwo sonst wird die Fritten-Kultur so gelebt wie in Belgien. Fritten sind sowas wie der Streetfood Inbegriff. Und in Flandern gibt es einen Koch, der ist so etwas wie der Streetfood-Bocuse (wenn man dann schon Frankreich ins Spiel bringen will). Grund genug, ihn hier einmal genauer vorzustellen.

Der Balls & Glory Foodtruck im Einsatz

Für den 36-jährigen Küchenchef sind Pommes Frites zwar Streetfood (und das schon lange bevor es den Namen überhaupt gab), aber eben kein Fast Food, sondern Ausdruck einer ausgeprägten Genusskultur. Authentisch, natürlich, handgemacht und in Ruhe zubereitet – also eigentlich sogar Belgian Slow Food. Das ist die Mission von Wim. Er liebt Fritjes, hat sich aber auf eine andere Spezialität verlegt: Seit 2012 bereitet er in seinen Restaurants und seinem eigenen Streetfood-Truck einfache, schmackhafte flämische Gerichte in einem neuen Gewand zu. Vergesst alle die Fleischbällchen, die ihr je an irgendwelchen Automaten gezogen habt. Und seid gespannt auf einen unvergleichlichen Genuss: „Balls & Glory“ (der Name ist Programm!) könnt ihr in Gent, Antwerpen, Brüssel und Leuven und am Food-Truck kosten, der bei diversen Stadtfesten Station macht. (Termine)

In Video erklärt Wim genauer, welche Philosophie dahinter steckt. Seine Großeltern betrieben einen Bauernhof, seine Eltern eine Metzgerei. Wim wollte etwas Neues machen, etwas Moderneres, wie er sagt, und lernte Kochen auf hohem Niveau. Doch der ausgebildete Profikoch verabschiedete sich schnell wieder von der exklusiven Gastronomie und besann sich auf seine Wurzeln: Für ihn darf gutes Essen eben nicht elitär sein. Im Gegenteil: „Gutes Essen ist ein Grundrecht“, sagt er. Und so machte es sich Wim zum Ziel, ein Stück Farm der Großeltern in die pulsierenden Städte Flanderns zu bringen. Streetfood, so sagt Wim Ballieu, gibt es ja eigentlich seit es Straßen gibt. „Ich möchte einfach eine Kultur auf die Straße bringen – eine Kultur, die mehr zu bieten hat, als man denkt: Esskultur“. Und das gelingt ihm ziemlich gut. Wer schon mal bei ihm gegessen hat, der weiß, was ich meine: Seine handgemachten Fleischbällchen sind einfach Kult! Vier Sorten gibt es jeden Tag zur Auswahl. Auch hier legt Wim die Messlatte hoch. Er verwendet nur frische Zutaten aus der Region und hat natürlich auch vegetarische Bällchen im Angebot. „Wir leben und kochen mit den Jahreszeiten“, erklärt Wim Ballieu. Jedes Jahr kreiert er neue Kollektionen mit den saisonalen Produkten: Die Füllungen reichen von klassischen Varianten wie „Tomate“ oder „Liegeoise“ bis zu eher ungewöhnlichen Kombinationen wie „schwarze Oliven & Anchovies“ oder mit getrockneten Tomaten, Chicorée oder Apfelkompott – Wims persönlicher Favorit ist übrigens das Rhabarber-Bällchen. Egal, womit die Bällchen gefüllt sind, jedes wird 27 Minuten im Heißluftofen gebacken – auch eine Version von Fast Food in der Slow-Food-Ausführung.

Also, nichts wie hin und bei Eurem nächsten Flandern-Trip und Balls & Glory genießen! Und wenn ihr dann noch nicht satt seid, dann könnt ihr ja – so der Tipp von Wim – nur wenige Häuser entfernt von der Brüsseler Dependance des Balls & Glory die French Fries im „Fritland“ probieren. Man munkelt, das seien die besten in ganz Belgien. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte …

Wim isst belgische Fritjes am liebesten aus der Tüte.

Flandern, Kultur, Limburg, Neu auf dem Flandern-Blog

Geschichten und Geschichte erleben – Landkommende Alden Biesen

Wenn ich an Ritter denke, fallen mir als erstes blutige Schwerter, stampfende Streitrosse und dunkle Kerkermauern ein. Überrascht war ich deshalb bei meinem ersten Besuch, wie lieblich das Wasserschloss in der Landkommende Alden Biesen in Bilzen bei Tongeren daherkommt. Das soll eine Niederlassung des Deutschritterordens gewesen sein? Davon ist heute nicht mehr viel zu spüren. Weiterlesen …

Flandern, Kultur, Küste

Belgian Coast Greeters – kann man das essen?

Also ich bin ja nicht der Typ für klassische Stadtführungen: laaaaange Vorträge, nervige Zwischenfragen und wenn es wirklich mal was zu sehen gibt, geht das Gedrängel und Geschubse los – „darf ich mal kurz“, „ich seh ja gar nichts!“. Ich mag es lieber etwas persönlicher. Wenn es euch auch so geht, dann habe ich einen heißen Tipp: Die belgischen Coast Greeters.

Coast Greeters, das klingt schon mal einladend: „Küsten-Begrüßer“. Aber was soll man sich  darunter vorstellen? Coast Greeters, das sind Menschen wie Erik, ein vitaler, gertenschlanker Ruheständler mit schneeweißem Haar, der in Oostende geboren und aufgewachsen ist. Erik zeigt euch nicht nur seine Lieblingsplätze in der Stadt und am Strand, sondern bringt euch, wenn ihr Glück habt, auch noch das Krabbenpulen bei. Da gibt es nämlich – man höre und staune – nicht nur eine spezielle Technik, sondern richtige Weltmeisterschaften (aber das ist eine andere Geschichte…). Oder Linda, die – wie schon ihr Großvater – „nach dem Rhythmus des Meeres lebt“ und euch mitnimmt, auf eine Reise durch die Zeit in dem künstlerischen Küstenort Koksijde-Oostduinkerke. Linda ist enorm beschlagen in Geschichte und Architektur. Sie teilt ihr Wissen lebhaft und lebendig.

Unterwegs mit einem Coast Greeter, © Coast Greeters Projekt

Entlang der belgischen Küste gibt es noch viele „Eriks und Lindas“, Einheimische also, oder neudeutsch „locals“, die ihren Heimatort lieben, und denen es ganz einfach Freude macht, das mit Besuchern zu teilen. Von Knokke-Heist bis De Panne sind die Coast Greeters im Einsatz. Jeden verbindet eine ganz eigene Geschichte mit „seinem“ Küstenort. Alle sind offene, freundliche Menschen, die selbst gerne auf Entdeckungstour gehen. „Ich lerne meistens auch etwas dabei. Die Besucher entdecken ganz andere Details als ich“, sagt Erik. Weiterlesen …

Brüssel, Flandern, Kultur

Ein Museum für die Kultur 2.0

Das MIMA in Brüssel

Kunst muss Spaß machen dürfen, finde ich. Und Museen sollten sowohl mit der Zeit als auch neue Wege gehen. Das betrifft nicht nur die Vermittlung, sondern vor allem auch die Inhalte. Gerade jetzt, wo sich so vieles um die Alten Meister dreht (die ich im Übrigen wunderschön finde), treibt mich manchmal die Sehnsucht nach etwas Modernem um, nach den Jungen Meistern und ihrer ganz besonderen Sicht der Welt, nach etwas total Anderem. Kennt ihr das? Das ist, wie wenn man nach einem scharfen Essen ein Stück (belgische) Schokolade essen will. Und das Museum, das ich euch heute vorstellen will, ist für mich so ein spannender Kontrast, so etwas wie der Street Art Smoothie nach einem üppigen Barock-Gericht. Ich spreche vom MIMA, dem Millennium Iconoclast Museum of Art. Es gehört nicht zu den Museums-Blockbustern in Brüssel, sondern eher zur Kategorie Geheimtipp.

Restaurant im MIMA Brüssel, © MIMA

Das europaweit einzigartige Museum will alte Zöpfe abschneiden, einfach mal was ganz anderes machen. Genau in diesem Sinne haben Michel und Florence de Launoit, Alice van den Abeele und Raphaël Cruytl vor ein paar Jahren das ambitionierte Museumskonzept entwickelt. In den Gemäuern der einstigen Belle-Vue-Brauerei im Stadtteil Molenbeek haben sie nun Raum geschaffen für „eine Kultur, die Barrieren niederreißt und ein breites Publikum erreicht, ein Museum, das die heutige Welt widerspiegelt und den Weg für die Welt von morgen ebnet“. Und so steht das MIMA seit April 2016 für eine wirklich ungewöhnliche Präsentation zeitgenössischer Kunst und eine – wie die Macher es selbst nennen – Kulturgeschichte 2.0. Es zeigt eine spannende Mischung urbaner, grafischer, musikalischer, sportlicher, künstlerischer und Geek-Kulturen, die ganze Palette  von Graffiti  bis Tattoo-Kunst.

Nomads Akay and Olabo FIAT 500, © MIMA

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