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Brügge, Flämische Meister, Flandern, Gent, Kirsten Lehnert

der Genter Altar – zum Anbeten schön

von: Kirsten Lehnert

Eigentlich ist es ein Wunder, dass es den Genter Altar noch gibt. In der gesamten europäischen Kunstgeschichte wurde wohl kein anderes Meisterwerk so oft auseinandergerissen und verschleppt: Seit seiner Aufstellung im Jahr 1432 war der Genter Altar Opfer von gleich dreizehn Verbrechen und sieben Diebstählen. Hier nur die Kurzfassung: Er wurde während des „Bildersturms“im Jahr 1566 beinahe zerstört, während der Französischen Revolution konfisziert und seine Paneele wurden zweimal gestohlen. Napoleon war der Erste, der Teile des Altars aus dem Land entführen ließ. Rund 100 Jahre lang schmückten sich Berliner Museen mit den Flügeln des Genter Altars bis die Gemälde nach dem Ersten Weltkrieg wieder nach Gent zurückgegeben wurden.

Während des 2. Weltkriegs waren es dann die Nazis, die den in Südfrankreich versteckten Altar und zahlreiche andere Kunstschätze aus ganz Europa für das geplante Führermuseum raubten und ins Salzbergwerk von Altaussee wegsperrten. Nur dem beherzten Eingreifen einer kleinen Gruppe stiller Helden ist es zu verdanken, dass der Kunstschatz vor dem Eintreffen der Alliierten nicht gesprengt wurde und dass die Amerikaner den Altar finden und wohlbehalten wieder zurückgeben konnten.

Diese wahre Geschichte bildet den Stoff für den Spielfilm „Monuments Men“ von und mit George Clooney. Bis auf eine Tafel, die seit bald 100 Jahren verschwunden ist, sind alle Teile längst wieder vereint. Diese Tatsache allein würde schon ausreichen, um den Genter Altar richtig zu feiern. Aber da war ja auch noch die umfangreiche Restaurierung, bei der die Experten nicht nur Patina entfernt, sondern auch bisher Verborgenes wieder sichtbar gemacht haben. Große Teile des Gemäldes waren nämlich im 17. Jahrhundert übermalt worden – eine damals übliche Art ein Gemälde zu restaurieren. So werden ab 2020, beim letzten der drei Themenjahre „Flämische Meister 2018-2020“, nicht nur Jan van Eyck und sein Meisterwerk gefeiert und gewürdigt, es gibt auch viel Neues zu sehen.

Ein umfangreiches Jubiläumsprogramm mit vielen Highlights

Ich kann gar nicht alles aufzählen, was vor allem in Gent, aber auch in Brügge, wo van Eyck lange gelebt hat, auf die Beine gestellt wird: Bedeutende Ausstellungen und Angebote, die das Werk und Leben von van Eyck in vielen Facetten anschaulich machen (eine Übersicht und aktuelle Infos  findet Ihr hier. Aber ich kann Euch schon mal einen Vorgeschmack geben.

Wie van Eyck die Malerei revolutionierte

Portrait of a Man in a Turban, Jan van Eyck, Google Cultural Institute

Mit Jan van Eyck steht nun nach dem Barockmaler Rubens und Pieter Bruegel ein weiterer herausragender Künstler im Fokus: der Erfinder oder zumindest der Perfektionierer der Ölmalerei. Mit seiner unübertroffenen Technik, seinen wissenschaftlichen Kenntnissen und seiner einzigartigen Beobachtungsgabe hat er die Ölmalerei revolutioniert. Und er hat als Begründer der altniederländischen Malerei eine neue Kunstepoche nördlich der Alpen eingeleitet. Durch seine Farbwahl und durch den neuartigen Firnis erstrahlten seine Bilder im Gegensatz zu den damals sonst üblichen matten Tempera-Bildern in ganz besonderem Glanz. Und nie zuvor hatte ein Maler die Wirklichkeit so greifbar gemacht.

Zum Anbeten schön

Im Mittelpunkt des Themenjahres steht natürlich das von Jan und seinem Bruder Hubert van Eyck geschaffene prachtvolle Altargemälde, das 4,4 mal 3,4 Meter misst und als einer der schönsten Kunstschätze der Welt gilt. Vielleicht kennt ihr das weltberühmte Motiv, die Anbetung des Lamm Gottes? Für mich persönlich ist es das schönste Lamm der Kunstgeschichte. Die singenden Engel finde ich aber ebenso zauberhaft. Aber es gibt ja noch so viel mehr zu entdecken, denn selbst wenn die Altarflügel geschlossen sind, kann man allein acht Tafeln sehen.

Eine optische Revolution

Die restaurierten Außentafeln könnt ihr ab Februar in der Ausstellung „Jan van Eyck. Eine optische Revolution“ im Museum für Schöne Künste in Gent aus nächster Nähe bestaunen. Die Tafeln werden hier im Kontext mit weiteren Werken von van Eyck präsentiert – eine einzigartige Gelegenheit, denn weltweit gibt es nur rund 20 Bilder des Künstlers und über die Hälfte davon kommt nach Gent. Ich bin sicher: So viel van Eyck gibt’s so schnell nicht wieder.

Nach der Ausstellung werden die Tafeln wieder mit dem Rest des Altars in der St.-Bavo-Kathedrale vereint. Dort ist er noch bis Anfang Oktober in der Villa-Kapelle zu sehen. Danach zieht er innerhalb des Gotteshauses in das neue Besucherzentrum um, wo er in einem völlig neuen Rahmen präsentiert wird. Hier könnt ihr dann in die Geschichte und die vielen spannenden Geschichten des Meisterwerks eintauchen Es gibt also das ganze Jahr über die Gelegenheit zum Anbeten oder einfach nur Anschauen des neuen alten Altars.  

Brügge, Flandern, Kulinarik

Von Haute Cuisine bis Hausmannskost: Gregory Slembrouck

Er liebt den Duft von frisch gebackenem Brot und den Geschmack von Kreuzkümmel und hat bereits mit großen Köchen in der Küche gestanden: Gregory Slembrouck, Küchenchef im „Le Mystique“ in Brügge und einer der Flandern Kitchen Rebels. Zugegeben, er sieht alles andere als rebellisch aus. Aber er mischt, wie die anderen Mitglieder dieses Netzwerks junger Küchenchefs, derzeit die Gastroszene in Flandern auf. Ich wollte wissen, was Gregorys Küche so besonders macht, und habe dem 32-Jährigen in die Töpfe und auf die Teller geschaut.

Wer durch die Gassen der Brügger Innenstadt läuft, findet in einer ruhigen Seitenstraße, in der Niklaas Desparsstraat, das edle 4-Sterne-Hotel „Heritage“ mit dem „Le Mystique“ im Erdgeschoss. Der herrschaftliche Wohnsitz aus dem 19. Jahrhundert liegt nur einen Häuserblock nördlich vom trubeligen Marktplatz. So nobel wie das Hotel ist auch das Restaurant.  In diesem ebenso stilvollen Ambiente bewirtet Gregory seine Gäste. Und die kommen nicht nur aus dem Hotel, sondern auch von weiter weg. Schließlich hat sich der junge Küchenchef längt einen Namen in der Gastroszene über die Stadtgrenzen von Brügge hinaus gemacht. Wer in seinem Lokal einen Tisch bekommen möchte, sollte also unbedingt reservieren. Seit einigen Jahren ist das „Le Mystique“ auch vom Guide Michelin mit zwei Gabeln ausgezeichnet: „Qualitätsprodukte fachkundig zubereitet: einfach ein gutes Essen!“. Und der Michelin-Tester war – ebenso wie ich – schon von dem Flair des Restaurants begeistert: „Ein Abendessen im Le Mystique beginnt immer mit einem bewundernden Blick auf die ausgesprochen opulente und elegante geschichtsträchtige Dekoration“.

Unter den prachtvoll gestalteten Stuckdecken und funkelnden Kronleuchtern, zwischen den rot-grünen Wänden sitzt man hier auf samtroten Stühlen an mit bodenlangen Tischtüchern festlich gedeckten Tischen. Historisch, klassisch, gediegen, aber so farbenfroh, dass es zugleich auch modern wirkt. Das gilt auch für die Kreationen von Gregory Slembrouck, der mit einer eindrucksvollen Leichtigkeit und Bescheidenheit am Werk ist. Aber solch edles Ambiente ist dem Kitchen Rebel nicht neu, hat er doch zuvor im Sterne-Restaurant „Ter Leepe“ in Zedelgem gelernt, wie man Produkte und Geschmacksrichtungen spannend kombiniert. Und wie man Gerichte so kunstvoll anrichtet.

 „Ich kombiniere gerne erlesene regionale Zutaten und das Beste aus der belgischen Küche mit Aromen aus der ganzen Welt“, verrät er mir. Er zaubert die ungewöhnlichsten Gerichte, mal orientalisch oder asiatisch mit belgischem Touch, mal Hausmannkost mit edlem Wein. Und so serviert er etwa gebratene Langustine mit Pastinake und weißer Schokolade oder Huhn mit Schwarzwurzel und Trüffelsoße. Da ihm Frische und Qualitätsprodukte ganz wichtig sind, variieren seine Menus (die aus sieben Gängen bestehen) und seine A-la-carte-Gerichte je nach Jahreszeit. Gemüse, Fisch und Fleisch kauft er jeden Tag selbst ein. Und die Steinpilze sammelt er eigenhändig im Wald.  

Kaum zu glauben, dass der Grundstein für seine Karriere bereits vor rund zwanzig Jahren gelegt wurde: Als Dreizehnjähriger sollte er nach der Schule nicht allein zu Hause bleiben und ging daher jeden Mittag in das Restaurant seines Cousins. Schon nach kurzer Zeit stand sein Berufswunsch fest. Sein erstes selbstgekochtes Gericht, so verrät er, waren Spaghetti. Die kocht Gregory Slembrouck übrigens auch heute noch nach dem gleichen traditionellen Rezept und immer noch mit großer Begeisterung – die auch seine Gäste teilen. Ein Kitchen Rebell kann auch ganz schön bodenständig sein.

Mein Tipp: Wer es nicht ins „Mystique“ schafft, hat jedes Jahr im September die Gelegenheit, zumindest eine Kostprobe zu genießen. Beim Food-Festival Kookeet zeigen Küchenchefs aus Brügge, was sie auf der Pfanne oder im Topf haben. Auch Gregory Slembrouck beteiligt sich an der Aktion.

Flandern, Kirsten Lehnert, Kulinarik

Sauerbier: Der Champagner unter den Bieren

Etwas wie Sauerbier anbieten – bei diesem Sprichwort denke ich ab sofort nicht mehr an Ladenhüter, sondern an eine ausgesprochen leckere regionale Spezialität aus Belgien. Bis zu meinem Besuch beim Brussels Beer Project im letzten Jahr hatte ich mit Bier nicht viel am Hut. Nun bin ich sogar zum ausgesprochenen Sauerbier-Fan geworden. Nach dem Genuss eines klassischen Kirschbiers bin ich auf den besonderen Geschmack gekommen. Das Kirschbier ist nur eine Variante des Sauerbiers, einer wichtigen Säule der weltberühmten belgischen Biervielfalt und Braukultur. Das belgische Bier zählt ja bekanntlich seit 2016 zum immateriellen UNESCO-Kulturerbe der Menschheit. Aber was ist Sauerbier genau? Was macht es so besonders?  Um das herauszufinden, habe ich mich auf Spurensuche begeben.

Brasserie Cantillon – Cantillon Brouwerij, Musée Bruxellois de la Gueuze © visit.brussels, Jean-Paul Remy

Wie die Hefe ins Bier kommt

Zuerst habe ich mich in einer kleinen Familien-Brauerei in Brüssel schlau gemacht. Die Brasserie Cantillon in einer kleinen Straße im Stadtteil Anderlecht hat sich auf Sauerbier spezialisiert. Zugleich ist sie die einzige noch aktive Brauerei in Brüssel, die für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Hier kann man den Braumeistern bei der Arbeit über die Schulter schauen. Mit viel Leidenschaft und alles andere als bierernst erläutern diese auf Führungen die einzelnen Schritte des Brauprozesses. So lerne ich, dass Sauerbier seinen mehr oder weniger säuerlichen Ton durch die Infektion mit Milchsäure- oder anderen Bakterien oder bestimmten Hefen erhält. Und dass das, was anderen Brauern den Angstschweiß auf die Stirn treiben würde, bei der Spontangärung zum Konzept gehört: Bei dieser typisch belgischen Braumethode tauchen Mikroorganismen nämlich quasi unkontrolliert im Brauprozess auf. Hefe wird nicht durch menschliches Zutun zugesetzt, sondern durch eine offene Lagerung des Sudes aus der kühlen Umgebungsluft „eingefangen“. So kommt die Gärung spontan in Gang – daher der Name. Danach gärt Lambic über Wochen in offenen Bottichen, ehe eine oft Jahre dauernde Lagerzeit beginnt. Jetzt verstehe ich auch, warum Lambic zu den anspruchsvollsten und komplexesten Bierstilen der Welt zählt.

Artenkunde

Wenn dem Gärbottich noch Früchte wie Himbeeren, Pfirsiche oder Kirschen zugefügt werden, spricht man von Fruchtlambic. Die bereits erwähnte Kirschvariante gilt als die populärste dieser Sorte und hat mit „Kriek“ sogar einen eigenen Namen. Eine weitere Unterart des Lambic ist das Faro, ein junges Lambic, das mit Kandiszucker versetzt wird. Gueuze schließlich wird durch Vermischen von jungem, noch nicht komplett vergorenem und zwei bis drei Jahre altem Lambic hergestellt und erhält durch dieses Verfahren seine typische sauer-frische Note und den hohen Kohlensäuregehalt. Aufgrund dieser Qualitäten wird Geuze auch als Champagner unter den Bieren bezeichnet. Seit 1900 werden bei Cantillon Faro, Geuze und Kriek nach althergebrachter Methode gebraut. Dass sich der Brauerei mit ihrem “Geuze Museum“ lohnt, meine übrigens nicht nur ich; der Guide Michelin hat diese Sehenswürdigkeit sogar mit einem Stern ausgezeichnet.

Regional geschützt

Die am besten geeignete Mikroflora um Lambic zu brauen, findet man in der Luft im Südwesten von Brüssel. So sind Brüssel sowie das gleich hinter Brüssel beginnende Pajottenland und das Sennetal Zentrum des Sauerbiers. Der Name Lambic ist außerdem regional geschützt: Nur Bier, das in der Gegend um Brüssel gebraut wird, darf so genannt werden.

Oude Kriek, Lindemans

Tour the Geuze

In Beersel am Südrand von Brüssel setze ich meine Erkundungstour fort. Hier bietet das Besucherzentrum “De Lambiek” nicht nur Infos über die einzigartige Gärmethode. Man kann auch alte Sorten wie Oude Geuze, Oude Kriek und andere Regionalbiere direkt probieren. Im Anschluss mache ich mich auf den 16 Kilometer langen Lambic-Rundweg zu 14 verschiedenen Brauereien und „Stekerijen“ (Verschneider). 

 Da diese eigentlich nur alle zwei Jahre bei der „Tour the Geuze“ ihre Pforten für Besucher öffnen (das nächste Mal am 1. und 2. Mai 2021), freue ich mich sehr, dass die Brauer mir zumindest virtuell Einblick in die Orte und Braugeschichte der Region verschaffen. Ich lese die außen an den Brauereien angebrachten QR-Codes mit meinem Smartphone ein und bin „drin“.  

Brasserie Cantillon Brouwerij

Nach meiner persönlichen Beer-Experience ist mir klar: Belgische Bierkultur kann durchaus mit der Weinkultur mithalten. Das traditionell in Eichenfässern gereiftes Bier mit den unterschiedlichsten Farbnuancen, Geschmacksnoten und Gerüchen spricht eben nicht den sprichwörtlichen Bierzeltbesucher, sondern vor allem den Genießer an. Und ich frage mich, welches Sauerbier ich beim nächsten Mal kosten soll: Lieber grünes Walnuss-Lambic, das „degorgierte Méthode champanoise Lambic“ oder das im Holzfass gereifte Tripel mit Milchsäuregärung?

Antwerpen, Flämische Meister, Flandern, Kirsten Lehnert, Kultur

Madonna trifft Tolle Grete – Zu Besuch bei zwei ungewöhnlichen Frauen

Bei meinem letzten Besuch in Antwerpen hatte ich eine besondere Begegnung mit zwei wundervollen Frauen. Die eine war länger weg, hat sich etwas aufhübschen lassen und strahlt jetzt richtig. Die andere war vorher noch nie hier, ist zwar mehr als 500 Jahre alt, aber so was von zeitlos! Die Rede ist von Grete und Madonna. Ich traf sie inmitten von dunkel vertäfelten Räumen mit wunderschönen Ledertapeten.

Eindrucksvoll präsentiert: die Sammlung im Museum Mayer van den Bergh in Antwerpen

Es handelt sich um zwei herausragende Kunstwerke, die gerade in der Ausstellung  „Madonna trifft Tolle Grete“ im Museum Mayer van den Bergh in Antwerpen gezeigt werden: die legendäre „Dulle Griet“ (tolle Grete), eines der berühmtesten Werke von Pieter Bruegel d.Ä. (1525-69), und die geheimnisumwitterte Madonna vom französischen Hofmaler Jean Fouquet (1420–71). Unterschiedlicher können zwei Bilder und Frauen wohl nicht sein.

Die Eine: ländlich, lustig, etwa skurril, in einer Umgebung voller kurioser Gestalten. Das Gemälde – wie so oft bei Bruegel ein wahres Wimmelbild – war früher als eher düstere, groteske Landschaft mit einem dunkelroten Himmel und vielen Brauntönen bekannt. Nach zweijähriger Restaurierung kann man das Meisterwerk seit Anfang des Jahres wieder an seinem angestammten Patz hier im Museum bestaunen. Wer es früher schon mal gesehen hat, wird sich wundern: Es sieht es jetzt viel frischer aus, Firnisschichten und spätere Übermalungen wurden entfernt, und nun strahlt das Bild wieder in seiner ursprünglichen Farbenpracht. Absolut sehenswert!

Eines der Highlights der Sammlung: die „Dulle Griet“ von Pieter Bruegel (c) Museum Mayer van den Bergh Antwerpen

Ihrer Zeit voraus

Die Andere ist hier nur bis zum 31. Dezember 2020 zu Gast: die berühmte „Madonna von Melun“, eine Tafel aus einem Diptychon aus dem 15. Jahrhundert. Der Maler Jean Fouquet gilt als einer der bedeutendsten Künstler an der Schwelle von der Spätgotik zur Frührenaissance und hat ein faszinierendes Bild geschaffen: Mit ihrer elfenbeinfarbenen, fast marmornen Haut wirkt die Madonna wie eine Skulptur. Die gespitzten roten Lippen, die kugelige, entblößte Brust und der Hintergrund aus blauen und roten Engeln erscheinen dabei unglaublich modern. Dass diese Madonna mehr als 500 Jahre alt ist (und damit noch älter als die dolle Grete), sieht man ihr wahrlich nicht an. Zeitlos modern oder einfach seiner Zeit voraus?  Durs Grünbein sprach in der „ZEIT“ in Zusammenhang mit dem Bild einmal von einem „Meisterwerk des gotischen Surrealismus“ – wie passend!

Jean Fouquet, Madonna von Melun (c) KMSKA, Lukas-Art in Flanders vzw, Foto Hugo Maertens

Der Entdecker der Tollen Grete

So unterschiedlich die beiden Damen sind, so verbindet sie doch etwas Besonderes: Beide sind Prachtstücke aus privaten Sammlungen, die in dieser Ausstellung gemeinsam präsentiert werden. Fritz Mayer van den Bergh (1858–1901) war Ende des 19. Jahrhunderts der größte Kunstsammler der Stadt und seiner Zeit weit voraus. Er sammelte bereits mittelalterliche Kunst der Niederlande und die Kunst der Renaissance, als diese noch ein Schattendasein fristeten. Besonderes Interesse hatte er an Pieter Bruegel d. Ä. Er gilt als Entdecker der „Tollen Grete“ und konnte auch das Werk „Zwölf Flämische Sprichwörter“ von Pieter Bruegel erwerben.

Jozef Janssens, Portrait von Fritz Mayer van den Bergh, 1901, Museum Mayer van den Bergh

Drei Jahre nach seinem frühen Tod mit nur 43 Jahren verwirklichte seine Mutter seinen Traum vom eigenen Museum. Heute ist das Museum Mayer van den Bergh eines der ältesten Museen der Welt, die speziell für eine einzige Sammlung errichtet wurden. Von außen ist das würdevolle, neogotische Gebäude eher unscheinbar, so dass es mir bei meinen letzten Besuchen nie aufgefallen ist. Zu Unrecht, denn das Museum entpuppt sich im Inneren als wahre Schatztruhe, ein Kunstwerk an sich mit den prächtigen Holzvertäfelungen und den bunten Bleiglasfenstern. Man braucht schon ein paar Stunden, wenn man sich alle oft so liebevoll ausgestatten Räume in Ruhe anschauen will.

Fritz und Florent

Ein weiterer ebenso leidenschaftlicher Sammler war Florent van Ertborn (1784–1840). Seine Sammlung, zu der auch die Madonna von Fouquet zählt, ist heute im Besitz des Museums der Schönen Künste Antwerpen, das gerade wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist. Umso schöner, dass hier nun erstmals seit Jahren wieder einige Meisterwerke aus seiner Sammlung gezeigt werden. In der Ausstellung begegnet man also auch nicht nur den beiden eindrucksvollen Frauen, sondern auch diversen anderen Sammlerstücken. Und vor allem lernt man die beiden Männer kennen, denen wir es zu verdanken haben, dass wir Grete und Madonna auch heute noch bewundern können.

Brüssel, Flämische Meister, Flandern, Kultur

Zum 450. Todestag von Pieter Bruegel d. Ä.

Wenn Engel fallen und Fische fliegen

von Kirsten Lehnert

Es klingt irgendwie komisch, wenn man sagt, dass man einen Todestag feiert. Sagen wir also lieber: wir begehen ihn. Oder wir würdigen den Mann, der am 9. September 1569 – also vor genau 450 Jahren – in Brüssel gestorben ist: Pieter Bruegel der Ältere, der flämische Meister, der mit seinen Bildern die Kunstwelt nachhaltig geprägt hat. Seit einigen Monaten berichten wir an dieser Stelle schon über die zahlreichen Ausstellungen und Aktionen anlässlich dieses Jubiläums. Aber es gibt immer noch Neues zu erleben und entdecken. Im Frühjahr habe ich Euch schon durch Brüssel geführt, wo der flämische Meister einen Großteil seines Lebens verbracht hat. Nun möchte ich diesen Rundgang fortsetzen und Euch noch ein paar Tipps für den Herbst geben.

Beyond Bruegel
Beyond Breugel, © Plein publiek

Eintauchen in Bruegels Welt

Von seinem großen Vorbild Hieronymus Bosch inspiriert hat Bruegel zeitlebens sehr detailreich gemalt. Um all die kleinen Bilder im Bild zu erkennen, muss man schon ganz genau hinsehen. Die Multimedia-Inszenierung „Beyond Bruegel“ kam mir da sehr entgegen. Hier kann man im wahrsten Sinne des Wortes in Bruegels Welt und seine Wimmelbilder eintauchen. Die Bilder werden in einer 360 Grad-Installation in gigantischer Auflösung großflächig an die Wände projiziert und animiert. So werden auch die kleinsten Details aus Bruegels Werk sichtbar. Da fallen die Engel herab, fliegen Kugelfische durch die Luft und über den Fußboden ergießen sich virtuelle Wellen. Wer immersive art noch nicht erlebt hat, kann sich hier auf ein ganz neues Kunst-Gefühl freuen. „Beyond Bruegel“ ist noch bis Januar 2020 im Dynastiegebäude auf dem Kunstberg zu sehen.

Durch das „Hallepoort“ in ein neues Bruegel Universum

Hallepoort

Ein weiteres virtuelles Tor ins Bruegel Universum öffnet sich am 19. Oktober im „Hallepoort“. Im mythenumwobenen Stadttor, das der berühmte Maler früher sicher häufig durchschritten hat, gibt die Ausstellung „Back to Bruegel“ spannende Einblicke ins 16. Jahrhundert. Dort werden auch Originalschätze aus der Neuen Welt, Musikinstrumente und wissenschaftliche Messgeräte präsentiert, wertvolle Leihgaben aus den Königlichen Museen für Kunst und Geschichte. Von Eurer Zeitreise könnt Ihr Euch in einem der gemütlichen Lokale am Fuße des Stadttores, etwa der Brasserie Bruegel, erholen. Zugegeben, anlässlich des Jubiläumsjahres „bruegelt“ es in Brüssel an fast jeder Ecke – zahlreiche Restaurants bieten „Bruegel-Menüs“ an, das traditionelle Sauerbier Lambic wird nun als „Bruegel-Bier“ angepriesen und in diversen Schaufernstern entdeckt man den großen Meister – aber dieses Lokal hieß  auch vor dem Jubiläumsjahr so.

Brasserie Brueghel

Aber zurück zum Künstler selbst. Dieser war, was Wenige wissen, weit mehr als der „Bauernbruegel“ mit seinen vielfarbigen Gemälden. Im Laufe seines Lebens gestaltete er ungefähr sechzig Drucke (als Grafiker war er also weit produktiver als als Maler): Es waren die Drucke, die seinen Weltruhm begründeten und Bruegel spielte eine Schlüsselrolle in der Entwicklung der  Druckgrafik in Flandern, das sich Mitte des 16. Jahrhunderts zum internationalen Zentrum für die Herstellung von und den Handel mit Drucken entwickelte. Die Königlichen Bibliothek Brüssel ist im Besitz einer einzigartigen Sammlung von Bruegels Arbeiten auf Papier. Die schönsten Stücke werden nun exklusiv für die Sonderausstellung „Bruegels Welt in Schwarz und Weiß“ aus dem Lager geholt. Ihr könnt sie ab dem 15. Oktober in der Königlichen Bibliothek Brüssel sehen.

Die Bruegel Street Art Route

Street Art Bruegel Guitar Rue de la Rasière – Sistervatstraat
© visit.brussels, Jean-Paul Remy, 2019

Zwischen all diesen Museumsbesuchen empfehle ich euch, einfach mal durch die Straßen der Stadt zu schlendern. Wer die Augen offen hält und hochschaut, kann auch entdecken, wie der alte Meister noch heute junge Künstler inspiriert. Mein Tipp: folgt einfach der Bruegel-Street-Art-Route, die 14 ganz unterschiedliche Kunstwerke umfasst.

Ein Abstecher nach Antwerpen

Zum Schluss empfehle ich noch einen kurzen Abstecher nach Antwerpen. Hier lohnt es sich, der Tollen Grete einen Besuch abzustatten. Wer das ist, und was diese einfache Bäuerin mit einer Madonna zu tun hat, das verrate ich demnächst an dieser Stelle.

Flandern, Kirsten Lehnert, Kulinarik, Mechelen

Die Vleeshalle – der neue Foodmarkt in Mechelen

von Kirsten Lehnert

Mechelen war mir bisher vor allem bekannt durch das Museum Hof van Busleyden in dem prachtvollen Renaissancepalast, die königliche Teppichmanufaktur oder die Brauerei im Beginenhof. Seit meinem letzten Besuch in der Stadt kenne ich nun eine weitere Attraktion: Denn Ostern öffnete in der alten Fleischhalle ein wirklich schöner Foodmarkt seine Tore. Ich möchte Euch diesen neuen kulinarischen Hotspot im Herzen von Mechelen vorstellen.

© Visit Mechelen

Noch bevor ich den Duft der frisch gebackenen Focaccia oder der würzigen asiatischen Suppen in der Nase hatte oder auch nur einen Bissen an einem der vielen Stände probieren konnte, war ich schon begeistert. Allein die Location ist schon ein Genuss. Die Vleeshalle ist – wie der Name schon sagt – eine alte Fleischhalle. Mit Galerien über drei Etagen, von grünen gerundeten Stahlträgern gestützt und detailreich gestaltet. Durch die Glasfenster unter dem hölzernen Giebeldach scheint Tageslicht hinein. In der 1881 erbauten Markthalle verkauften früher die Mechelner Metzger ihre Ware. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg war das Gebäude immer mehr verfallen, 1967 wurden die Tore der Fleischhalle endgültig geschlossen.

Die Vleeshalle früher, © vleeshalle

Die Geschichte der Vleeshalle

Nach diversen Zwischennutzungen etwa als Veranstaltungsraum und Filmkulisse wurde die denkmalgeschützte Halle nun aus dem Dornröschenschlaf wachgeküsst. Veronique Smolders und ihr Partner Kevin Goos haben sich hier einen Traum verwirklicht und eine wirklich gelungene Mischung aus Markt, Lokalen, Shop und Büros geschaffen – in einem Ambiente, in dem man die Geschichte der Ortes wirklich noch spüren kann. Die Beiden haben als Organisatoren des berühmten Bierfestivals in Mechelen übrigens schon gezeigt, dass sie Genussprojekte erfolgreich umsetzen können.

© Visit Mechelen

Im Zentrum dieses hippen Foodmarktes findet ihr einen Barbereich, hier kann man sich gut niederlassen und einfach genießen. Drum herum tummeln sich 12 Anbieter von den unterschiedlichsten Köstlichkeiten. Italien, Vietnam, Mexiko, Spanien und Irland liegen hier eng beisammen. So könnt ihr mit kleinen Häppchen kulinarisch einmal um die ganze Welt reisen. Ihr findet Streetfood, Tapas, Wurstwaren, Burger, Käse, Patisserie, Fischgerichte, frische Säfte, Kaffee, Tee, Suppen. Wer mag, kostet die vietnamesischen Frühlingsrollen mit frischem Koriander, die Steven an seinem Stand “Bāmbū” anbietet. Elena peppt ihre Tapas nach den Rezepten ihrer Großmutter mit einem modernen Kick auf. Mich hat vor allem die handgemachte Guacamole von Karen vom “Alma Libre” umgehauen. Und die frischen Salate und Gemüse-Bowls bei “Urban Greens” sind schon fürs Auge ein Genuss.

Im Foodmarkt könnt ihr übrigens auch zahlreiche frische, hochwertige und viele regionale Produkte kaufen und zuhause selbst etwas daraus zaubern. Ich habe noch ein Schwätzchen mit Imker Johan gehalten und mir als Erinnerung dann ein Glas Honig mitgenommen.

Mehr als ein Foodmarkt

Und da Genuss nicht nur eine Sache für den Gaumen ist, könnt ihr in der Vleeshalle auch noch andere schöne Dinge kaufen. In den oberen Etagen etwa findet ihr bei Colorfool Möbel, Accessoires und Mode.

Flandern, Kirsten Lehnert, Kulinarik, Küste

Lust auf Meer? Die belgische Küste und ihre besten Fischrestaurants

von Kirsten Lehnert

Ich bin ja schon durch viele romantische Städtchen in Flandern geschlendert und habe mich anschließend mit den leckersten regionalen Spezialitäten und den besonderen Varianten des Street Food verwöhnt. Neulich war mir dann mehr nach Meer und nach Sea Food. Was lag da näher, als einen Gastrotrip an die belgische Küste zu machen? Hier kann man den frischen Fang direkt mit Meerblick genießen.

Genussort mit Aussicht, der Küstenort Blankenberge © Toerisme Blankenberge, Westtoer

Ich habe mir ein paar der besten und kultigsten Fischlokale angeschaut und das ein oder andere Meeresfrüchtchen probiert. Mein Fazit: unbedingt empfehlenswert. Drei ganz unterschiedliche Lokale will ich hier vorstellen. Aber Vorsicht, der folgende Text könnte bei Genussmenschen akute Lust auf mehr/Meer auslösen und das dringende Bedürfnis, sofort an die Küste zu fahren…

Frischer Hummer ist eine der Spezialitäten im Restaurant Oesterput © Oesterput

Der Hummer ist der Hammer

Mein erster Tipp für die belgische Küste ist das „Oesterput“ in Blankenberge, ein Traditionslokal, das Piet Devriendt bereits in 4. Generation führt. Es liegt etwas versteckt im Hafengebiet in einer eher unscheinbaren Halle. Was 1885 als Großhandel für Fisch und Schalentiere begann, hat heute Kultstatus. Noch immer werden Fisch, Austern und Hummer von hier ins ganze Land geliefert. Piets Urgroßvater errichtete hier 1888 das erste mit frischem Meerwasser gefüllte Becken und züchtete selbst Austern. Im authentischen Ambiente der Lagerhalle könnt ihr an langen Tischreihen nun Austern bis zum Abwinken genießen. Frischer geht’s wohl kaum. Die Spezialität des Hauses ist aber Hummer und der ist – man verzeihe mir das Wortspiel – der Hammer! Zum Tagespreis und zum Reinlegen. Leuchtende Farbe, zartes Fleisch, authentische Atmosphäre. Dazu ein leckerer Weißwein. Das muss sein, bei aller Liebe für die belgische Bierkultur. Alle Speisen, von den Garnelen-Kroketten bis zu den Tomaten-Garnelen, werden nach alten Familienrezepten zubereitet. Wer keinen Platz im Lokal bekommt (reservieren kann man hier leider nicht), der kann Hummer, Meeresfrüchte und Austern auch außer Haus genießen.

Info: Oesterput, Wenduinse Steenweg 16, 8370 Blankenberge,
Tel: +32 50 41 10 3, www.oesterput.com

Authentisches Ambiente im Oesterput © Oesterput

Oh, wie schön!

Was dem einen sein Austernbecken ist dem anderen sein Fischteich. Ivan Puystiens hat seinen in der Mitte seines Lokals „Oh“ platziert. Ein schöner Blickfang in dem Restaurant, das an sich schon viel für‘s Auge zu bieten hat. Mein Tipp für Menschen, die nicht nur gute Fische-Küche mögen, sondern auch stylisches Ambiente. Neben dem originellen Interieur (der Name Oh verweist auf ‚Wasser‘ – und das findet ihr hier als Gestaltungsmerkmal auch an den Wänden) können sich auch die Gerichte sehen und schmecken lassen.

Das Auge isst mit im Oh Restaurant © Oh Restaurant

Ivan Puystiens, der wie Piet vom „Oesterput“ ein Kind der Küste ist und schon mit seinem Großvater Muscheln gesammelt hat, serviert hier regionale Produkte mit Einflüssen aus aller Welt. Ich habe die Langusten mit Chorizo, Chicorée und Limone getestet. Oh, wie lecker! Dazu gibt es im Oh natürlich nicht nur Wasser, sondern auch tolle Weine, darunter zahlreiche Bio-Weine, schließlich ist der Eigentümer zugleich Sommelier. Bei schönem Wetter könnt ihr das alles auf der Sonnenterrasse genießen. Nicht nur mir hat‘s geschmeckt, die Tester vom Gault Millau haben dem Oh 13,5 Punkte gegeben.

Info: Oh Restaurant, Koninklijke Baan 289, 8670 Sint-Idesbald, Tel: +32 58 52 05 72, www.ohrestaurant.be

Sonne und Sand satt im „Westhinder“ © Westhinder

Sand und Sonne

Mein absoluter Favorit, wenn ihr ein Fischrestaurant für eure Reise an die belgische Küste sucht, ist das „Westhinder“. Sowohl die Lage, als auch die Atmosphäre sind einfach einzigartig. Wenn ihr den gepflasterten Wanderweg von Wenduine Richtung De Haan bis zum Ende geht – das dauert etwa 20 Minuten – findet ihr die wohl coolste Strandbar in Belgien. Bis vor zwei Jahren stand hier noch eine schlichte schwarze Holzbude. Die ist einem schlichten aber stylischen Kubus aus Stein und Glas gewichen. In diesem ungewöhnlichen Strandimbiss, serviert Nadine Dewulf, die das Lokal an den Dünen seit mehr als 40 Jahren mit viel Liebe betreibt, ihre hausgemachten Krabbenkroketten und eine wirklich schmackhafte Fischsuppe. Zugegeben, das hat seinen Preis, aber allein die Lage ist unbezahlbar. Ihr könnt Euch natürlich auch einfach so auf die Terrasse setzen und Waffeln, Eis und den Blick auf Strand, Meer und Dünen genießen. Von Mai bis September ist es das Westhinder täglich geöffnet, außerhalb der Saison am Wochenende und an Feiertagen nur bei gutem Wetter.

Info: Chalet Westhinder, Westdijk, 8420 Wenduine, Tel: +32 50 41 58 55, www.westhinder.be  

Ein schöner Platz für den Fischgenuss im Freien: Die Terrasse am Oesterput © Oesterput

Habt Ihr Lust auf mehr Meer? Weitere Tipps zu Fischrestaurants rund um die belgische Küste findet ihr hier.

Flandern, Kirsten Lehnert, Kulinarik, Mechelen

Als die Beginen zu brauen begannen

von Kirsten

Was haben die Beginen, Karl V. und Bier gemeinsam? Sie alle spielen eine Rolle in einer Geschichte aus Flandern. Ort des Geschehens ist Mechelen, das malerische flämische Städtchen mit seinen über 300 denkmalgeschützten Gebäuden – ein wahres Freilichtmuseum der Renaissance. Und die Geschichte beginnt an einem dieser besonders geschichtsträchtigen Plätze, dem Großen Beginenhof. Er zählt heute als einer von 12 Beginenhöfen in Flandern zum UNESCO-Weltkulturerbe. In dieser malerischen Anlage jedenfalls, bei der kleine Wohnhäuser samt Kapelle einen begrünten Innenhof umschließen, lebten die Beginen an der Grenze von Ordensleben und Laientum.

Das bessere Trinkwasser

Blick in den Beginenhof (c) Visit Mechelen, Koen Broos

Damals gab es hier auch ein Hospital und da das „Trinkwasser“ im Mittelalter bekannterweise selbst Gesunde umhauen konnte, begannen die hier lebenden Ordensschwestern 1471 damit, Bier zu brauen, um damit Kranke und Alte zu versorgen. Das gilt als die Geburtsstunde einer Brauerei, die heute zu den ältesten in Belgien zählt. So erklärt sich auch, warum die Brauerei, die heute eine der Attraktionen der Stadt ist, in der Krankenstraat – inmitten des Großen Beginenhofes – liegt.

Bier für Helden

Schon bald erweiterte die Brauerei ihre Kreise und braute 1491 ein Starkbier eigens für die Ritter, die sich aufmachten, das Goldene Fließ zu finden: das „Gouden Carolus Tripel“. Diesen Namen (Goldener Karl) erhielt es zu Ehren von Kaiser Karl IV, dem letzten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, der in den burgundischen Niederlanden geboren wurde und in Mechelen aufwuchs.

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Kim Devisschere – Back to the Roots

von Kirsten

Back to the Roots! Das sagte sich auch der junge belgische Sternekoch Kim Devisschere, nachdem er seine Kochkünste in den feinsten Restaurants erworben hatte. Das ganze Chi Chi, der ganze Trubel und vor allem die Atmosphäre und die Stimmung in den Sterne-Küchen waren nicht seine Welt. So entschied er sich, in Gent sein eigenes Restaurant aufzumachen, das „Roots“. Ich möchte euch den jungen Kitchen Rebell und seine Philosophie hier vorstellen.

Die Kitchen Rebels

Kim ist einer von mittlerweile über 50 Kulinarik-Rebellen, den jungen flämischen Spitzenköchen, die mit ihren kleinen, feinen Restaurants althergebrachte Konventionen der Haute Cuisine auf den Kopf stellen. Sie pfeifen auf piekfeine Kellner, luxuriöse Einrichtung, winzige Portionen für viel Geld. Stattdessen zeigen sie, dass es auch anders geht. Die „jungen Wilden“ bieten hervorragende Küche und tolle Geschmackserlebnisse in lässig-gediegenem Ambiente zu erschwinglichen Preisen. 

Kim Devisschere

Das Roots

In der Vrouwebroersstraat 5, einem der verwinkelten Gässchen des Genter Altstadtviertels Patershol, eröffnete Kim Devisschere im Januar 2016 das „Roots“. Aus dem Stand erhielt er dafür 14 Punkte im Gastroführer Gault & Millau. Da blieb keine Zeit zum Feiern, erinnert sich Kim heute. Schließlich sind die nur 25 Plätze in dem kleinen Lokal fast immer besetzt. Kein Wunder! Kim bietet das, was man neuzeitlich wohl „ehrliches Essen“ nennt: Fein angerichtete, kulinarisch raffinierte Gerichte, die aber zugleich absolut bodenständig sind und zu einem fairen Preis auf den robusten Holztisch kommen. Davon, dass hier nur frische Zutaten in Topf und Pfanne kommen, könnt ihr Euch bei einem Besuch sogar selbst überzeugen: Kim und sein junges Team lassen sich beim Arbeiten in der offenen Küche zuschauen.

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Antwerpen, Flandern, Kirsten Lehnert, Kulinarik, Kultur, Neu auf dem Flandern-Blog

Die Chocolate Nation – Wie süß! Ein Museum zum Dahinschmelzen

von Kirsten

Kennt ihr den Film „Charly und die Schokoladenfabrik“? Ich war neulich in Antwerpen in einem neuen Museum, da musste ich unweigerlich an diesen Film denken. Nicht nur, weil sich hier alles um Schokolade dreht, sondern weil hier auch so herrlich verspielt-mechanisch gezeigt wird, wie Schokolade hergestellt wird. Schokoladenmuseen gibt es in Belgien ja schon ein paar. Aber die „Chocolate Nation“, die jetzt in Antwerpen eröffnet wurde, war selbst oder gerade für mich als Chocoholic ein besonderes Erlebnis. Und ich habe dabei sogar die Bekanntschaft mit Ruby gemacht – der Beginn einer sicher langen Freundschaft. Aber der Reihe nach:

Belgien ist ja bekanntlich Wiege und Herz der Schokoladenproduktion. Heute haben zwei der weltweit größten Schokoladenfabriken ihren Sitz in Belgien; Antwerpen ist einer der größten Importhäfen der Welt für Kakaobohnen. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass man (auch und vor allem) in Antwerpen die Ergebnisse der Genussproduktion – ob maschinell oder handgemacht – an fast jeder Ecke probieren kann: Ihr findet hier Geschäfte von allen großen belgischen Schokoladenmarken und zahlreiche Chocolatiers bieten ihre von Hand gefertigten Genuss-Kreationen an.  

Das größte belgische Schokoladenmuseum der Welt

© Chocolate Nation
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